Afrika – Zwei Briefe an einen An-der-Macht-Kleber (II)

Ein Gastartikel von Andreas Fecke, Venance Konan und Tiburce Koffi.

Fortsetzung von Teil I. Mitte und Ende Januar dieses Jahres flohen die beiden ivorischen Schriftsteller und Journalisten Venance Konan und Tiburce Koffi aus ihrer Heimat, der Côte d’Ivoire/ Elfenbeinküste.
KakaoarbeiterTeil 1 bot nach einer kurzen Einführung in die Vorgeschichte, die politischen Zusammenhänge und den bisherigen Verlauf der aktuellen Krise im Land seitens des deutschen Gastautoren einen Offenen Brief an Laurent Gbagbo von Venance Konan und seinen Artikel “Warum ich mein Land verlassen habe”.
Dieser Teil II präsentiert von Venace Konan “Brief an Seine Eminenz Kardinal Bernard Agré – Welche Art von Pastor sind Sie eigentlich?”, von Tiburce Koffi “Winterlicher Brief an einen blutrünstigen König”, seinen Offenen Brief an Gbagbo, und endet mit einem kleinen politischen Ausblick des deutschen Gastautoren, seinem Brief(chen) für die Leserinnen und Leser, die Interesse an der Darbietung, der Elfenbeinküste, dem politischen Thema und den vielen kleinen Themen, die in allen Einzelbeiträgen mitschwangen, gefunden haben.

Noch mehr zu den Hintergründen: Matthias Hoelkeskamp vom Online-Magazin “Brandjobber” gibt hier noch einmal eine kompakte Darstellung der ivorischen “Zwei-Präsidenten-Krise”, zusammengefasst aus mehreren Artikeln einer Afrikanummer seines Magazins.
Bernard Schmid liefert hier eine erweiterte, sehr detaillierte Fassung seines Artikels “Ein Präsident zuviel” aus Jungle-World.
In seiner Studienarbeit “Ethnozentrismus als Katalysator bestehender Konflikte in Afrikasüdlich der Sahara, am Beispiel der Unruhen in Côte d’Ivoire” am European University Center for Peace Studies (EPU) behandelt Mamadou Adama Sow (Guinea) ab Seite 35 den Konflikt von 2002.
Zwei Editorialisten der Abidjaner Zeitung “Le Nouveau Courrier”, Théophile Kouamouo und Karl Gougouly (Pseudonym aus Selbstschutz), schreiben hier in fünf deutsch übersetzten Artikeln über Probleme, Hoffnungen und die Frage der nationalen Identität.
Und hier ist eine datierte Titelliste einer Auswahl deutsch übersetzter Berichte der AFP-Korrespondenten in der Elfenbeinküste, im Afrikablog des Gastautoren.

Die Präsidentengattin

Simone Gbagbo wird in den Beiträgen Konan’s erwähnt, im Brief Koffi’s ist ihr ein ganzer Absatz und ein Gedicht gewidmet. Laurent Gbabgbo, hier ein Kurzportrait aus der Financial Times Deutschland, hier seine Facebookseite, ist einer jener Machthaber, dem eine “starke Frau” zur Seite steht, so nennen es seine Freunde. Andere sprechen eher von “einer eisernen First Lady, die in seinem Schatten regiert”, beispielsweise nachzulesen in einem AFP-Bericht, in dem sie mit der Gattin des gestürzten tunesischen Diktators Ben Ali verglichen wird.

Simone GbagboSimone entstammt politisch dem marxistischen Flügel der ivorischen Gewerkschaftsbewegung. Die zweite Prägung ist religiöser Natur: sie ist evangikale Christin mit Verbindungen zu den US-amerikanischen Glaubensgenossen, die zu den Unterstützern ihres Mannes zählen, so der englische Wikipediaartikel über sie. International geriet sie zweimal in die Kontroverse: 2005 soll sie auf einer aus juristischen Gründen geheimgehaltenen schwarzen Liste der UNO in Bezug auf möglicherweise gerichtlich belangbare Menschenrechteverletzungen in der Elfenbeinküste gestanden haben; 2008 und 2009 wurde sie von der französischen Justiz im Rahmen einer sich noch dahinschleppenden Untersuchung über das Verschwinden des franko-kanadischen Journalisten Guy-André Kieffer 2004 in Abidjan vernommen.

Auf ihrer designpreiswürdigen Webseite stellt sie sich als “starke, engagierte, schöne und visionäre” Frau vor, die Webseite Jeune Afrique bietet kontrovers dazu in “La vraie Simone Gbagbo (Die wahre Simone Gbagbo – google-Übersetzung)” ein so ausführliches wie weniger schmeichelhaftes Portrait. Dort wird auch über ihre (US-)evangelikalistisch- politische Aktivität berichtet.

Winterlicher Brief an einen blutrünstigen König
Lettre d’hiver à un roi sanguinaire
31/01/2011 Tiburce Koffi frz. Original, darunter Kontaktadresse
Deutsche Übersetzung von Andreas Fecke

An Ousmane Guira, meinen brüderlichen Freund, meinen Beschützer,
und an alle jene, die ich dort unten gelassen habe, an den schrecklichen Ufern der Ébrié-Lagune (Region und Sinnbild).
Bald wird es Tag werden!

Tiburce-Koffi-1688Noch ein Brief an Deine geschätzte Aufmerksamkeit, mein lieber Laurent (Gbagbo). Und ich bin mir heute sicher, dass es nicht der letzte sein wird; der letzte nämlich wird als Hauptthema den Kommentar zur Bilanz Deines Regnums beziehungsweise des Endes Deines Regimes beinhalten. Deine Herrschaft: diese Verbrechen aller Art (wirtschaftliche, ethische, ökologische, politische und vor allem menschliche), die sie gekennzeichnet haben werden. Deine Herrschaft: diese furchtbare und traumatisierende Regentschaft. Mit Vergnügen also werde ich diesen Kommentar schreiben.

Zur Stunde schreibe ich Dir nun diesen Brief, um Dir zu erzählen, was Deine Sicherheitsdienste Dir nicht haben mitteilen können, was Du aber seitdem der Presse entnommen haben wirst: meine Abreise oder eher meine Flucht aus der Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire). Du verstehst, dass ich die Anmaßung ja wohl nicht bis zu dem Punkt treiben konnte, Dir bei meiner Abreise ein “Auf Wiedersehen” zuzurufen oder einen kleinen, “freundschaftlichen” Anruf zu tätigen!
Und von hier aus rate ich, wie sauer Du auf die Killer gewesen sein musst, die Du engagiert hattest, um mit mir “fertig zu werden”, wie wütend, dass sie mir “erlaubten”, das Land zu verlassen. Aber, mein lieber Laurent, was glaubst denn Du? Selbst die verhärtetsten Mörder haben manchmal einen Moment des Zweifels, der Infragestellung ihres dreckigen Jobs. Einen Schriftsteller, einen von den Seinen gekannten und anerkannten Kulturschaffenden, den tötet man nicht mit derselben Gleichgültigkeit, die man sich beim Mord an einem einfachen Demonstranten in Abidjan über’s Gesicht zieht.

Aber ja, lieber Laurent, auch ich zähle auf bedeutende “Helfer”, im Land und selbst im Inneren Deiner Kriminellentruppen. Manche von ihnen sind sogar Fans geblieben; sie haben mich von der Gefahr wissen lassen, und dank der Unterstützung aller konnte ich dem Land entfliehen. Baue nicht auf mich, um Dir ihre Namen zu verraten! Also wirklich, Laurent!

Endlich gewähltMein Freund Venance – Du wirst es auch mitbekommen haben – kam mir mit der Flucht zuvor, beim ersten Alarmzeichen – auch er wäre beinahe von den CECOS entführt worden. Ich meinerseits wollte der Panik nicht nachgeben und vor Ort bleiben, um Dein Regime der Mörder und ehrlosen Verbrecher zu bekämpfen. Dem Land entfliehen, dem Sabber Deiner Mördermiliz entkommen, mich in Sicherheit bringen, meine Haut retten, darüber kann man nachdenken. Wie aber weggehen, allein, und die Meinen im Land lassen – meine Brüder und Schwestern, meinen kranken Vater, meine Freundinnen und Freunde, all jene lieben Menschen, die täglich die Gluthitze Deines Terrorregimes durchleben?
Flucht hat immer einen bitteren Geschmack: den Geschmack der Panik, der Angst, vor allem der Feigheit. Nein, mir war es unmöglich, fortzugehen; unmöglich, trotz des Drucks um mich herum, trotz der Warnungen (mancher “netter” Bullen aus den Reihen des Geheimdienstes). Seit einiger Zeit schon war es mir unmöglich geworden, zweimal in Folge am selben Ort zu schlafen ohne durch einen Alarm aus dem Schlaf gerissen zu werden: “Tiburce, hau schnell aus dem Viertel ab. Suspekte Leute streunen um die Häuser….”

Wie oft hatte ich mich aus einem solchen, gefährlich gewordenen Ort nicht verdünnisieren müssen? Schließlich habe ich mich entschlossen, das Land zu verlassen, entgegen meinem Willen, Laurent, weil, wie die Baoulé (Ethnie) sagen: « A sassa houn ti man srê » – Vorsicht ist keine Angst. Also bin ich von zu Hause, aus meinem Land, weggegangen, an einem Tag zu Beginn des Harmattan (Westwind). Ein letztes Mal habe ich dem Zirpen der Grillen unter meinem Fenster gelauscht – Reflex eines Poeten. Ich habe mir das Viertel angeschaut, den Busch drum herum, die Silhouetten einiger Bewohner, die meine Tragödie nicht kennen, die dreckigen und stinkenden Straßen der Siedlung; unaufmerksam habe ich den betäubenden Lärm eines Zouglouhits (lokale Jugendmusik) gehört und alle diese tönenden Pestilenzen, die den Niedergang eines Volkes erzählen, meines Volkes; ein gestern noch so zivilisiertes und in Afrika so respektiertes Volk; ein Volk, das durch die vergiftende Aktion eines politischen Briganten namens Laurent Gbagbo unlebbar, unmöglich und hoffnungslos geworden ist.

Es Dir klar sagen

UN-PatrouilleNein Laurent, mit Dir, vorbei, ganz einfach vorbei die Eleganz der Worte. Und ich sage es Dir unverblümt: Schau Dich an, Laurent, schau, was aus Dir geworden ist: Ein kleines Negerköniglein, gefangen im Schwindelgefühl des Thrones; ein Mann, der kein Mensch mehr ist, sondern ein von seinem Instinkt (dem des Machterhalts durch Gewalt) geleitetes politisches Tier, geleitet auch durch düstere Individuen, die an den Privilegien kleben, die Du ihnen als Belohnung für ihre bestialische Dienstbarkeit gabst. Ich habe gesagt “Laurent, schau, was aus Dir geworden ist”. Vielleicht aber täusche ich mich (schon wieder) in Bezug auf Dich (wie ich mich oft in meinem Leben in Bezug auf meine Freundschaften täuschte); denn heute verstehe ich, dass Du in Wahrheit nicht “geworden” bist, sondern Dich enthüllst … endlich! Du enthüllst Dich, mehr noch: ich ent-Decke Dich.

Mein Freund Alex Kipré hat mir oft gesagt: “Tiburce, die Leute irren sich. Weder Macht noch Geld ändern einen Menschen wesentlich. Sie enthüllen ihn bloß.” Und er führt es fort: “Gbagbo ist so, er war so, und er war schon immer so gewesen, schon bevor er an die Macht gelangte; Du bist es, Tiburce, der es nicht bemerkt hatte; und jetzt hast Du es festgestellt. Das ist Dein Problem mit Gbagbo.” Anderntags hat er mir das gesagt: “Ich bin von Gbagbo nicht enttäuscht, denn ich hatte von ihm nichts erwartet; ich wusste, dass er ein Land nicht führen kann, schon gar nicht eins wie die Elfenbeinküste.” Nun denn, Laurent, Alex Kipré hatte mir einmal eine Anekdote erzählt, die mich damals amüsierte, mich heute aber über Dein wahres Ich aufklärt: irgendwo in einem kleinen Dorf oder in einem Viertel von Abidjan oder von Gagnoa (spielt wirklich keine Rolle wo), ein Fussballspiel, an dem Du teilnahmst. Im Finale wurde Deine Mannschaft geschlagen. Als der Pokal übergeben wurde, sprangst Du zur Überraschung aller (Publikum und Spieler) auf, hast Dir die Trophäe geschnappt und bist mit dem Spielgewinn davongerannt! Verblüffend!

Laurent, schau also, wie Deine Vergangenheit Dich verfolgt; diese düstere, neblige, geisterhafte und bewegte Vergangenheit. Eine Vergangenheit ohne erzieherische Eleganz, ohne ethische Bezüge, ohne Geist eines fair-play. Als Du Dich an jenem Abend des 3. Dezember (2010)weigertest, den verdienten Wahlsieg Herrn Ouattaras anzuerkennen, das war nicht der Ex-Staatschef (der Du an dem Tag ja geworden warst); es war diese trübe und getrübte Kindheit, die aus den tiefen Gründen Deiner einzelgängerischen Geschichte als Straßenkind, als ungeliebtes Kind, wieder auferstand; diese Geschichte, die Du so gerne ändertest und neu schriebst, als Du Deinem Schicksal einen anderen Lauf gabst. So beschlossest Du “jemand zu werden”.

Jemand werden! Das ist kein Delikt, es ist sogar eine Qualität. Was für eine Art Mensch aber werden? Ein Dichter, ein Sportler, ein Händler, ein Wissenschaftler? Es gibt so viele Berufe, Laurent. Du aber hattest sehr früh (Du erzähltest mir, am Ende der Mittelstufe) entschieden, … Präsident der Republik! zu werden. Also machtest Du aus der Politik einen Beruf! Es wurde Dein großer Traum, Dein Fantasmus, Deine Obsession, und das seit Deiner Jugend. Als Du mit 55 Jahren Staatschef wurdest, war es für Dich die Verwirklichung eines lang gehegten Traumes, es war das Ende eines langen Tunnels für Dich.

Erinnerst Du Dich, Laurent, dass Du dem Meister (Bernard Zadi, ivorischer Poet) eines Tages erzähltest, dass Du in die Geschichte eintreten wolltest? Erinnerst Du Dich auch an die weise und intelligente Antwort, die der Meister Dir gab? Ich erinnere Dich: “Das Wichtige ist nicht, in die Geschichte einzutreten, Laurent, sondern zu wissen, durch welche Tür man hineinkommt und durch welche wieder hinaus.”
Zwei Jahre später las ich eine verblüffende Rede von Abdourahmane Sangaré (einem weiteren Deiner dienstbaren Geister), in der er Dir unerhörte Loblieder sang. In diesem Diskurs eines schlecht inspirierten Gnoms aus anderen Zeiten sagte er, dass der Krieg der höchste Akt sei, durch den der Mensch seinen Wert und seine Größe unterstreiche; und das Du, von diesem Gesichtspunkt her, von nun an in die Geschichte eingetreten seiest und ein Mann von großem Wert, weil Du … in den Krieg gezogen warst! Unglaublich!

In die Geschichte eintreten! Sehr gut, Laurent. War es aber nötig, da einzutreten indem Du diesem Volk, das doch nicht anderes verlangte als brav zu leben, so viel Ärger bereitetest? Du hast es geschafft, Laurent. Hut ab, Herr der Apokalypse! In die Geschichte eintreten! Ja, Laurent, heute kannst Du Dich rühmen, tatsächlich in sie eingetreten zu sein. Aber noch einmal die entscheidende Frage des Meisters: durch welche Tür bist Du eingetreten? Die Antwort kennst Du: die Tür der Intrigen, des Komplotts, der verbalen und physischen Gewalt, der Lüge, des Betrugs, des Verrats, des Verbrechens, des Blutes, und, Gipfel des Horrors, des Krieges! Es ist noch nicht vorbei, Laurent, es ist nicht vorbei, denn die große Frage bleibt: wie wirst Du enden? Wie wird dieses schwere Unwetter enden, das Du auf unser Volk geworfen hast, ein vormals so neckisches, friedliches, fantasiereiches und in Disziplin und Weisheit so großzügiges Volk?

Du hast die Jugend pervertiert, es ist Dir gelungen, die vielversprechendste Schicht einer jeden Gesellschaft, die sich wirkliche Chancen des Erblühens und der Selbstbestätigung geben will, abzustumpfen. Du hast den großen “houphouétistischen” Traum des Aufbaus einer starken und produktiven Nation verhökert, und das für die Bestätigung Deines persönlichen, egoistischen und geizigen Sterns. Du hast entschieden, alles, was mit Ethik zu tun hat oder von fern oder nah an sie erinnert, aus Deinem Leben zu tilgen. Aber sage mir, Laurent: wie nur kannst Du mit all diesen stinkenden Schweinereien auf den blutroten Seiten Deiner schrecklichen Biografie weiterleben? Wie kann man lachen, im Fernsehen Reden halten, und das von morgens bis abends, nachdem man menschliche Leben hat auslöschen lassen? Hörst Du nicht die Schreie der Qual der Gemarterten aus Abobo und Anyama, aus Koumassi oder Vridi, hörst Du sie nicht in den Nächten der unerträglichen und kranken Verbrechen? Wie schaffst Du es zu leben, wenn Du das Leben kennst, das Deine Milizen den anderen gestohlen hat? Dieser anderen, deren einziges Verbrechen es war, nicht so zu denken wie Du und das Leben nicht so zu sehen wie Du es siehst? Vor allem aber: wie konntest Du es tolerieren, dass Deine Verbrecher entschieden hatten, mich zu töten, mich, den Freund?

UNOSCI-FahrzeugJa, Laurent, den Freund. Du bist es gewesen, der diesem Volk live im Fernsehen gesagt hat, dass ich Dein Freund bin. Sage es mir also noch einmal: wie kann man befehlen, einen Freund zu töten? Ja, Du bist ein Bété (Ethnie), Laurent, ein Bété; und als jemand, der von Bété aufgenommen, erzogen, ausgebildet und strukturiert wurde, weiss ich, was bei diesem so lieben Volk Freundschaft ist: ein heiliger Wert, sogar der höchste aller Werte. Wie hast Du es also geschafft, Dich von der Macht blind machen zu lassen, so blind, dass Du auf diesen höchsten Wert spuckst, den die Bété über alle Zeiten hinweg zu kultivieren wussten? Du hast versucht, Professor Maurice Guikahuié umbringen zu lassen, einen Kardiologen, einen Mann, der das Herz der Menschen heilt, das Herz, durch das Leben möglich wird. Du hast den Arzt Dakoury umbringen lassen, in Deinen Augen schuldig der Krankenversorgung der Rebellen seit der ersten Stunde dieser Rebellion, die uns noch nicht alle ihre Leichen im Keller gezeigt hat. Du hast versucht, Marcel Zadi Kessé umbringen zu lassen. Dieser so großzügige und liebenswerte Mann, welche Hilfe hatte er Dir nicht zuteil werden lassen, in Deinen qualvollen Zeiten, als Du wie ein hart gewordener Arbeitsloser dreckige Hemden trugst, so schlampige wie Du selber es warst? Laurent, was bedeutet diese Undankbarkeit, diese schlimme Verzerrung Deiner so zerbrechlichen und so mickrigen Erinnerung? Undankbarkeit, Undankbarkeit, Erinnerungsverlust…

Verflucht sei, wer einen Arzt tötet oder ihn töten lässt! Verflucht, tausend und einmal verflucht sei der, der versucht, den Künstler zu töten!

Angst über der Stadt

Angst, Angst und Angst über den Stadtvierteln, Laurent. Auch Kälte. Uns ist kalt. Die Côte d’Ivoire friert. Unsere Monde frieren, unsere Sonnen frieren. Auch mir ist kalt in diesem Pariser Winter, wo mich eine böse Grippe am Schlafen hindert. Ah, Laurent! Du mehr-als-Pest und und Lepra aus Kogodékro, dem Dorf der “kokoyés” (Leprösen) der Elfenbeinküste…

Laurent, warum macht töten Dir keine Angst? Warum nimmst Du anderen das Leben, dieses Leben, das Dir nicht gehört und das Du mit solcher Leichtigkeit ausradierst, wie ein Schriftsteller ein störendes Semikolon aus seinem Text entfernt? Als Schriftsteller und dramatischer Autor (genauer gesagt Tragiker) passiert es mir während meiner Nächte des Schreibens sogar zu weinen, wenn ich einen meiner dickköpfigen Helden in den Tod schicke! Wie machst Du das, Du, richtige Leben zu TÖTEN, menschliche Wesen zu töten, und dann noch in der Lage zu sein zu lachen, zu essen, zu kopulieren, vor allem mit den tausend und einen Deiner Liebchen aus der lagune ébrié. Diese stinkende, tote, dreckige und ungesunde Lagune, die das Herz Deines Regimes verschmutzt hat und Deine Milizen, deren Herzen so schlecht sind wie ko n’dou samlan – eine schwarze Seife mit Pottasche? Laurent, wie streichelst Du noch den Körper einer Frau, wenn Du gerade mit dem Töten der Kinder Deines Landes fertig geworden bist?

Ah, Laurent, sieh, wie Du mich bekümmerst! Und (wegen der Freundschaft, die ich Dir gegenüber empfand) fühle ich mich an jedem Tag erniedrigt, an dem die Presse mir das morbide Echo der Verbrechen Deiner wilden und grausamen Milizen schickt.

Das Motto dieses dazumals schönen Landes ist: Einheit, Disziplin, Arbeit! Du hast uns enteint, Du hast uns undiszipliniert und faul werden lassen. Nunmehr ist Dein Regnum nichts weiter als ein dumpfer Gewaltakt, ein permanentes Aufrütteln des Geistes des Terrors und des Todes.

Anhänger OuattarasTod. Tod und Tote. Diese Toten pflastern deinen Weg. Die Stille ist tot, der Tag ist tot, der Friede ist tot, die Lagune, diese lagune ébrié, auch sie ist tot. Der Tod dieser Lagune ist ein Symbol, Laurent: Wasser ist der Ursprung des Lebens. Eine vielfältige Population lebte in dieser Region: Krokodile, Fische, Frösche und Kröten, Wasserschlangen, usw.; alles in allem, das LEBEN. Du hast auch diese Lagune getötet, Laurent. Sogar die Lagune hast Du umgebracht. Wie viele Verbrechen wirst Du zeichnen müssen, um diesen Tornado aus Feuer und Leidenschaften abzustellen, der Dich bewohnt und Dich ruiniert, Dich gestrigen Sohn aus Mama-namenloses-Dorf?

Was? Laurent? Du hast all diese Bücher gelesen (die auch ich las), all diese Gedichte geschrieben (auch ich schrieb welche), Du hast musiziert (ich musiziere noch), Du hast die Bibel gelesen, Du bist ein Christ (wie ich es war), Du hast Sport getrieben (mache ich noch), Du hast all diese Frauen geliebt (dieses wunderbare “Laster” teilen wir), Du hast all diese Dinge getan, um Dich heute so wiederzufinden? Rund um die Erde verhöhnt, abgelehnt, disqualifiziert? Schau Dich doch an, Laurent, in einem Spiegel, und entdecke das immense Ausmaß des Horrors, den Du in die Viertel gesät hast …

Der unheilvolle Tanz der Simone (Gbagbo’s Gattin und Einflüsterin)

Ich sage es Dir weiterhin: “Guck in den Spiegel, Laurent.” Suche Dir einen besonderen Moment aus, am besten spät in der Nacht. Die Nacht, wo alle, Wesen und Dinge, ihren von der Last des Alltags ermüdeten Seelen und Körpern einen Moment der Ruhe gönnen. Schau Dich an, Laurent, und sieh, was aus dem Land unter Deiner Herrschaft geworden ist: Radio, Fernsehen, Fraternité Matin, alle diese Staatsmedien, die Du unter das Diktat Deiner obskuren Passion gestellt hast: die Macht! “Hier bin ich, hier bleibe ich”, hast Du kürzlich in einer Ausgabe der Zeitschrift « Jeune Afrique » gesagt. Der Slogan Deines Wahlkampfes war : “Wir gewinnen oder wir gewinnen”… Die Botschaft war deutlich: keine Alternative, ich werde die Macht behalten. Laurent, Du hattest uns aber doch gesagt: “Gebt mir die Macht, damit ich sie Euch zurückgebe.” Gestern gaben wir Dir die Macht. Heute, zehn Jahre später, haben wir entschieden, sie Dir wieder abzunehmen um sie einer anderen Person anzuvertrauen. Die Macht gehört Dir nicht. Warum weigerst Du Dich, abzutreten?

Laurent, Du weisst sehr gut, dass “Dein” Yao-Ndré (Gbagbo-Freund und Verfassungsratspräsident) den Präsidenten unserer Republik nicht an unserer Stelle aussuchen kann; Du weisst sehr gut, dass er unsere Stimmen nicht weglöschen darf, um Dich als Präsidenten zu “dekretieren”; Du weisst sehr gut, dass Du diese Präsidentschaftswahlen, die Du auf keinen Fall hättest gewinnen können, verloren hast. Es ist nur eine Frage des gesunden Menschenverstandes: Du kannst nicht hoffen, eine Wahl dieser Bedeutung zu gewinnen, allein durch das Abfallen (zu Deinen Gunsten) der Aktivisten Deiner Gegner! das ist ein sinnloses Kalkül, Laurent. Wie armselig doch Deine Ratgeber sind! Laurent, ich sage es Dir, ich habe Wahlkampf für Ouattara gemacht in Marcory, Zone 4, Koumassi und im Baoulé-(Ethnie) Land. Dieses Baoulé-Land, sprechen wir darüber.

Wie konntest Du nur einen Moment lang glauben, die Baoulé würden Dir ihre Stimmen geben, Dir, der Du diese ethnische Gruppe all die Zeit Deiner Regenz als heimlicher Oppositioneller, wo Du das Gift des Hasses gegen sie verspritztest, nur angegriffen hattest? Die Baoulé, diese ethnische Gruppe, die Du immer für schuldig an den “Fehlern” von Houphouët, dem Baoulé, gehalten hattest? Wie hast Du es geschafft zu glauben, diese Baoulé da würden Dich wählen, Dich, der Du Houphouët beleidigt und Bédié und Banny gedemütigt hast, diese drei politischen Figuren, drei Symbole der Größe ihres Volkes? Houphouët war im guébie niemals geliebt, Laurent, und Du weisst warum: jede menschliche Gruppe hat eine Kultur der kollektiven Erinnerung. Und sie trägt nach, diese Erinnerung. Schade, dass der Geschichtsprofessor, der Du bist, diesen simplen Fakt nicht verstehen konnte. Und alle diese Baoulé-Berater, die Dich anlogen, Dich betrogen, weil Du die Illusionen, die man Dir verkauft, gut bezahlst. Und alle diese Berater aus dem Norden, die Dich ausgenutzt haben, weil Du Geld hast – diesen immensen, aus der ivorischen Staatskasse geklauten Reichtum. Diesen Reichtum, den Du an die “kleinen” Weissen (Guy Laberti und Konsorten) verteilst und sogar an die “alten” Weissen (Vergès, Roland Dumas und Konsorten), die Dir neckisch schmeicheln kommen, weil sie wissen, dass Du wie jeder schlechte Neger nur all jene magst, die Dir Macht versprechen und Dein blutiges Regime beschützen.

Laurent, im Internet habe ich Simone – Deine verdammte Seele – sich einem ungewöhnlichen Tanz hingeben gesehen, wie eine Hexe in der Nacht der Kabale. Jawohl, die Simone mit dem Herzen eines verängstigten Mannes. Und ich habe ihre starken und robusten Hände gesehen; und ich habe ihr Lächeln gesehen (oder eher das blöde Grinsen, welches ihr das Lächeln ersetzt); vor allem aber habe ich ihre Zähne gesehen. Weiss, sehr weiss sind sie, diese Zähne. Und das Weiss ihrer Zähne bildete einen auffallenden Gegensatz zu dem matten Schwarz ihrer Haut. Und sie tanzte, Simone von Moosou; sie tanzte, besoffen von der usurpierten Macht.

Tanz des Todes und des Blutes der Gekreuzigten aus Abobo-die-Misere!
Sie tanzt, Simone!
Schamloser Tanz
Böser Tanz
Sie tanzt, tanzt, tanzt!
Die Hexer haben unsere Tage der Ruhe geschluckt
Und sie tanzt, Simone-die-Voodoo-Frau, gefährlicher als die Bouna-Schlange!
Die Verbrecher haben unsere dreckigen Abidjaner Straßen mit Fallen gespickt
Und sie tanzt, Simone-die-Büffelfrau der schlechten Märchen
Irgendwo in Abobo beweint eine Familie den Tod von Sidi
Irgendwo in Anyama beweint eine andere den Tod von Kwaku
Das Land ist vom Tod eingekreist
Mein Land ist vom Gespenst des Todes traumatisiert
der Tod, der berauscht ist, der Tod, der murmelt
Und sie tanzt, tanzt, Simone-der-Terror!
Der Raubtiertanz, der gierige Tanz der Seelendiebe
Sie tanzt, Simone, mit perfider und kanaillenhafter Freude
Sie tanzt den Tanz des Dämonen!…

Ach, Du mein Volk, was ist aus Dir geworden? Wer wird uns befreien von diesem Übel, von diesem plötzlichen und schleichenden Terror, der uns so schlecht gewandelt, so pervertiert hat? Wer befreit uns von Gbagbo-dem-Blitz?
Laurent, ich sage es Dir: wenn Du nach der Lektüre dieses Briefes (und ich weiss, dass Du ihn liest) Deinen Leuten (immer noch) erlaubst, auf ein Kind zu schiessen, auf ein einziges Kind dieses Landes, dann weil Du kein Mensch mehr bist: Du bist das Wrack eines Menschen, Du bist der Rückstand des SEINS. Und wisse, mein wütender Schrei wird Dich bis in alle tausend Ecken der Welt verfolgen. Nimm es als gesagt, Laurent, nimm es als versprochen. Schriftsteller sprechen nicht leichthin.
Aus Paris, Tiburce Koffi.

Tiburce Koffi (*1955 in Bouaké, Elfenbeinküste) ist Schriftsteller, Dramaturg, Filmregisseur und Journalist.

Brief an Seine Eminenz Kardinal Bernard Agré – “Welche Art von Pastor sind Sie eigentlich?”
Lettre à son Eminence le Cardinal Bernard Agré – “Quel genre de pasteur êtes-vous donc ? ”
von Venance Konan, 27.10.2010, frz Original
Deutsche Übersetzung von Andreas Fecke

Venance KonanAm vergangenen 23. Dezember hörte ich im von Laurent Gbagbo kasernierten ivorischen Fernsehen den Kardinal Bernard Agré. Seine Eminenz bat zunächst um einen Moment des Gedenkens für die Personen, die ihr Leben während der Ereignisse der vergangenen Tage verloren hatten, für ihre Kinder und Nahestehenden, die das Weihnachtsfest ohne sie feiern werden. Die Krise selbst betreffend erinnerte Bernard Agré, der sich wie ein einfacher Pastor präsentierte, daran, dass es wie in allen Ländern der Welt eine für alle verbindliche Verfassung gibt und dass unsere Verfassung in Bezug auf Wahlen dem Verfassungsrat das letzte Wort erteilt. Was bedeute, dass ein jedermann sich dem Spruch des Verfassungsrates zu beugen habe, wenn dieser sein Urteil gesprochen hat. Um seine Worte zu illustrieren, nahm er das Beispiel Frankreichs, wo der Verfassungsrat Herrn Sarkozy als Sieger über Frau Royal erklärt hatte. Er nahm auch das Beispiel der USA, wo der Oberste Gerichtshof über George W. Bush und Al Gore entschieden hatte. Dann bäumte der Kardinal sich gegen die Einmischungen der internationalen Gemeinschaft auf, die nichts könne außer Chaos verbreiten, wie sie es im Irak getan habe. Schließlich nannte er das Beispiel des kleinen Vietnam, das es geschafft hatte, so große Mächte wie Frankreich und die USA zu besiegen.
Eure Eminenz, muss ich Sie daran erinnern, dass einer der kardinalen Werte der christlichen Doktrin die Wahrheit ist? Diese Doktrin sagt, dass Gott seinen Sohn Jesus auf die Erde gesandt hatte, um den Menschen die Wahrheit zu bringen. Und nicht nur zufällig unterstrich Jesus all seine Predigten mit den Worten “in Wahrheit sage ich es Euch”. Im Heiligen Buch der Christen, Johannes 1,14, steht geschrieben “Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.”

Eure Eminenz, die zwei Wahrheiten, die Sie Ihren Schäflein und über die hinaus allen Ivorern hätten sagen sollen sind folgende.
Die erste: Im Jahr 2005 in Pretoria entschieden unsere politischen Führer, vorneweg der ehemalige Staatschef Laurent Gbagbo, dass, angesichts des zwischen allen politischen Akteuren herrschenden Misstrauens, die Ergebnisse dieser Wahlen in fine durch die Vereinten Nationen zu zertifizieren seien. Und diese haben das 2007 in die Resolution 1765 geschrieben. Das bedeutet, dass das letzte Wort nicht mehr dem ivorischen Verfassungsrat gehört, sondern dem entsprechenden Gremium der UNO.

Kardinal Bernard AgréSie werden mit mir einverstanden sein, Eure Eminenz, dass es unnötig gewesen wäre, eine externe Gerichtsstelle zu suchen, wenn das letzte Wort einer unserer Institutionen zugedacht gewesen wäre. Ich bemerke, dass Sie selber nicht gezuckt hatten, als der UN-Beauftragte nach dem Verfassungsrat die Ergebnisse der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen zertifizierte, die Herrn Gbagbo an die Spitze setzten und Herrn Bédié und andere aus dem Rennen warfen. Wie können Sie also von Einmischung sprechen, wo es doch die Ivorer selber waren, die der UNO ohne jeden Zwang antrugen, ihre Wahlen zu zertifizieren? Als dieselbe internationale Gemeinschaft unseren Wahlprozess finanzierte, von den Massenversammlungen bis zu den Wahlkabinen, der unlöschbaren Tinte und der Registrierung in die Wählerlisten, da haben Sie keine Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten gesehen?

Die zweite Wahrheit, die Sie ihren Schäflein, allen Ivorern und der ganzen Welt hätten sagen müssen, ist, dass unser Recht in Bezug auf die Rolle des Verfassungsrates präzise vorschreibt: “Im Falle, dass der Verfassungsrat ernsthafte Unregelmäßigkeiten feststellt, die die Wahrhaftigkeit der Wahl in Frage stellen und das Gesamtergebnis berühren, verfügt er die Annullierung der Wahl. Er teilt seine Entscheidung der unabhängigen Wahlkommission mit, die den Sonderbeauftragten des UN-Generalsekretärs informiert… Der Termin für die neuen Wahlen wird dann per Dekret vom Ministerrat verfügt, nach Vorschlag der unabhängigen Wahlkommission, dies innerhalb von 45 Tagen nach der Entscheidung des Verfassungsrates.”

Eure Eminenz,…
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Eine ähnliche Streitschrift von Konan, an die Juristin und Gbagbo-Sprecherin Jacqueline Oble gerichtet und diesmal von Dominic Johnson, dem Afrikaredakteur der taz übersetzt: “Die Nacht der Hyänen”

Venance Konan (aus Addis-Abeba)
Venance Konan (*1958 in der Côte d’Ivoire / Elfenbeinküste) ist Journalist und Autor und hat sein Jura-Studium mit einer Promotion in Nizza abgeschlossen. Er war lange Jahre bei Fraternité-Matin, der größten Tageszeitung des Landes, tätig; er ist heute Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und Zeitschriften in seiner Heimat und in Frankreich. Zu seinen literarischen Werken gehören die Romane Les prisonniers de la haine (Abidjan 2003, «Die Gefangenen des Hasses ») und Les Catapila, ces ingrats (Paris 2009, «Die Krabbelkäfer, diese Undankbaren ») sowie u.a. die Erzählbände Robert et les Catapila (Abidjan 2005) und Nègreries (Abidjan 2007).
Kindheit: “Das Verschwinden meines Vaters”

Ausblick, Ansicht

Wie wird es enden? Ist Ouattara denn besser? Ich bin ein Reihe von Szenarien, die ich für mehr oder weniger möglich halte, durchgegangen, habe diesen Teil meiner Schlussbetrachtung jedoch hierhin ausgelagert, um diesen Artikel nicht unnötig mit Spekulationen zu verlängern, die schon morgen von der Wirklichkeit ersetzt oder überholt sein können.

Ist er besser? Sicher ist für mich, dass Ouattara die Zukunft darstellen kann und Gbagbo nur die Vergangenheit. Der hätte die Zukunft sein können, er war es nicht. Wird es mit Ouattara eine neue Zukunft, oder wird mit ihm die Zukunft auch wieder eine anders angemalte neu aufgelegte Vergangenheit? Diese Frage ist ganz einfach zu beantworten: Er wird zeigen ob oder ob nicht, und er hat durch den Verlauf der Ereignisse eine große Chance für das Ja bekommen.

Alassane Ouattara im WahlkampfWahlkampfversprechen machen alle, und sehr unterschiedlich hören die sich nicht an. Es trifft zu, dass Ouattara im Wahlkampf betonte, er trete nicht als Kandidat einer Ethnie an. Es trifft auch zu, dass er in der Vergangenheit aus dem Trio Bédié – Gbagbo – Ouattara derjenige war, gegen den die meisten politischen Mänover organisiert wurden.
Aber auch er war schon einmal Premierminister und er hatte einmal ein hohes Amt beim IWF-Afrika – was nicht unbedingt ein negatives Attribut sein muss, denn auch Liberia’s Präsidentin Sirleaf hatte dort leitend gearbeitet und sich, laut ihren Memoiren, in der Zentrale für eine Neuausrichtung der IWF-Politik stark gemacht, von der zumindest die Unterzeichnung der HIPC-Initiative zur Entschuldung der ärmsten Länder ein wahrnehmbares Anzeichen ist. Aber auch er dürfte seine “Leichen im Keller” haben und könnte sich als ein anderer entpuppen, als man im Ausland hofft, auch er könnte lediglich vergangene Kämpfe weiterführen wollen, ohne Rücksicht auf die Hoffnungen des größten Teils der Bevölkerungen.

“Laurent Gbagbo’s Gründung seiner ‘Ivorischen Volksfront’ wurde als politischer Ausdruck der Ethnie Bété wahrgenommen”, schreibt Mamadou Sow in seiner oben verlinkten Studienarbeit. Wenn politische Parteien nicht aus gesellschaftlichen bzw. ideellen Strömungen heraus entstehen und sich entwickeln, sondern nach dem Ende eines Einparteiensytems (oder als politischer Flügel von Bürgerkriegsmilizen) von Männern als “ihre Partei” gegründet werden – ein häufig anzutreffender Fall in Afrika –, und dann noch mit stark ethnischem Charakter, dann tritt dort die Machtfrage weit vor die Frage der politischen Profilierung und (relativen) Verlässlichkeit. So entstehen (natürlich nicht nur in Afrika) die An-der-Macht-Kleber sowie die erstaunlichen Machtwechsel ohne irgendeine Art von politischer Wende, und so entstehen die Situationen der Abfolgen oft blutiger Revanchen mit Instrumentalisierung einer fanatisierten Jugend – als mit Abstand wahrnehmbarstes ivorisches Beispiel dafür kann hier nur die “Patriotische Jugend” von Blé Goudé (deutsch) genannt werden, der in der neuen Regierung Gbagbo’s als Minister für Jugend und Arbeit fungiert.

Wird Ouattara ein Mann der Politik oder der Macht? Sollte er es vorher nicht schon vorgehabt haben, hat er als einziger der drei jetzt eine große Chance für den Wandel bekommen. Er verfügt als rechtmäßiger Präsident über eine in der Elfenbeinküste nie da gewesene internationale Unterstützung und hatte gleichzeitig während der langen Wochen als “Exilant bzw. Gefangener im eigenen Land” im belagerten Golf-Hotel auch genügend Muße, um auch aus dieser Situation Lehren zu ziehen und gründlich darüber nachzudenken, ob er, sobald er sein Präsidialamt real ausfüllen kann, nicht endgültig mit der ivorischen Tragödie Schluss machen und einen ganz neuen Weg einschlagen will.

Seine weitere Chance: just in den Nachbarländern Liberia und Guinea haben sich die Staatschefs Ellen-Johnson Sirleaf und seit kurzem Alpha Condé auf den sehr langen Weg der inneren nationalen Versöhnung, des Kampfes gegen Korruption, der Revision der ökonomischen Beziehungen mit den westlichen Ausbeutern der Ressourcen und der Armutsbekämpfung und der Lösung anderer sozialer Riesenprobleme begeben. Liberia hat die völlige Entschuldung kürzlich geschafft. Würde er sich als Mann des Wandels erweisen (seine erste Rede als installierter Präsident, wenn es denn so kommt, werde ich im Wortlaut übersetzen), deren Hilfe und Zusammenarbeit wäre ihm sicher und eine ganze Zone Westafrikas könnte Impulse für den sozialen Fortschritt in die angrenzenden Länder senden. Mit einem Laurent Gbagbo werden die beiden sich niemals einlassen.

Gbagbo Dez2010Aktuell zum Abschluss noch zwei ganz kleine Stimmen aus Afrika, Zitate aus zwei Berichten der lokalen AFP-Korrespondenten:
“Abuja (AFP) – 08.02.2011 – Der Vorsitzende der Kommission der Wirtschaftsgemeinschaft der westafrikanischen Staaten (ECOWAS), James Victor Gbeho, hat Dienstag in Abuja Kompromissversuche mit Laurent Gbagbo scharf kritisiert.
“Einige von uns ermutigen Gbagbo, nicht zu gehen (…). Die Solidarität innerhalb der internationalen Gemeinschaft war schnell erodiert”, sagte er während einer Pressekonferenz. Die 15 Mitgliedstaaten der ECOWAS haben im Dezember damit gedroht, Gewalt gegen Präsident Gbagbo anzuwenden, wenn er die Macht nicht an Alassane Ouattara abtritt, den Sieger der November-Präsidentschaftswahlen. James Victor Gbeho drückte auch seine Enttäuschung über das Management der ivorischen Krise seitens der Afrikanischen Union aus.”….. ABIDJAN (AFP) – 08.02.2011 – Die Leichen der drei Männer wurden am Dienstag in einem Stadtteil von Abidjan gefunden, der Alassane Ouattara unterstützt und Montag Schauplatz gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften loyal zu seinem Rivalen, dem ehemaligen Präsidenten Laurent Gbagbo, war. Im Ortsteil Abobo (Norden) lag die Leiche eines Mannes am Morgen in der Nähe einer Polizeistation, die laut Zeugen während der Zusammenstöße am Montag angegriffen wurde. Es war nicht sofort möglich, die Umstände des Todes des Opfers zu ermitteln. Einige Barrikaden aus Tischen blockierten den Eingang der Polizeiwache, vor der die Kräfte Defence and Security (SDS) bewaffnet in Stellung gingen. In der Gegend, die als “PK 18” bekannt ist, weiter nördlich im gleichen Viertel, wurden zwei tote junge Männer gefunden, einer auf einem Haufen Müll mit gefesselten Füßen und Händen, der andere auf dem Boden. Jugendliche des Viertels sagten, sie entdeckten die Leichen in der Dämmerung und wüssten nicht um die Identität der Getöteten oder die Umstände ihres Todes. Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und SDS, “war die Nacht ruhig”, berichteten sie…..”

So liest es sich seit Anfang Dezember fast Tag für Tag. Wie lange noch, Herr Gbagbo?

Andreas Fecke betreibt die Blogs Afrikanews Archiv und Unser globales Dorf

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