Elfenbeinküste: Briefe an die Macht, von Venance Konan und Tiburce Koffi, auf deutsch, en francais et allemand

-Partie française en bas, en dessous des deux textes allemands-

Geschätzte Leserinnen und Leser,

Sie befinden sich hier sowohl im ersten Artikel einer kleinen Serie von “Briefen an die Macht” hauptsächlich des ivorischen Autoren Venance Konan, aber auch anderen,
wie auch in der Rubrik “by african authors- de- fr” mit deutsch übersetzten Texten afrikanischer Herkunft, die von nun an (Mitte Februar 2011) zu einer etwa 14-tägigen regelmäßigen Kolumne weiterentwickelt wird.
Die “Briefe an die Macht” werden zudem jeweils einzeln untereinander verlinkt.
Informationen über den Autor sind jeweils unter seinem Artikel.

Heute hier:
– “Warum ich mein Land verlassen habe”, von Venance Konan, Jan. 2011

– Offener Brief an Laurent Gbagbo, von Tiburce Koffi, Jan 2011

Weitere Briefe:
Offener Brief an Gbagbo: “Warum wurdest Du schließlich Kouglizia, dieser andere mythische Vogel, der den Tod ankündigt?”, von Venance Konan, Jan. 2011

Brief an Seine Eminenz Kardinal Bernard Agré – “Welche Art von Pastor sind Sie eigentlich?”, von Venance Konan, Dez. 2010

Liebes Franz(ösisch)-Afrika, Chère Françafrique! An die panfrikanistischen Intellektuellen und Gbagbo-Freunde, von Venance Konan, 31 décembre 2010 / Im Artikel gelber Block unten rechts

– Extern: “Die Nacht der Hyänen”, Offener Brief Konan’s an die Beraterin von Gbagbo

Nicht informiert über die politischen Zusammenhänge? Tipp: Diese zwei und die zwei anderen Texte sind in einem Gastartikel von mir im Blog “Der Spiegelfechter” => hier Teil I , => hier Teil II zu sehen, umrahmt von einer thematischen Einführung und einem Ausblick meinerseits.

Der ivorische Schriftsteller und Journalist Venance Konan ist Mitte Januar 2011 aus Abidjan geflohen. Als Kritiker des Regimes von Laurent Gbagbo fürchtete er um sein Leben. Zwei Wochen später ging auch der Schriftsteller und Dramaturg Tiburce Koffi ins Exil…..

Warum ich mein Land verlassen habe
Pourquoi j’ai quitté mon pays (frz. Original)
28/01/2011 VENANCE KONAN
Deutsche Übersetzung von Andreas Fecke

Venance KonanFast Mitternacht ist es an diesem Freitag 28. Januar in Addis Abeba (Äthiopien), als ein Kollege, der die Sitzung des Sicherheitsrates der Afrikanischen Union bis zum Schluss verfolgt hat, im Hotel zu uns stößt. Müde des endlosen Wartens vor den Türen des Konferenzsaales war ich etwas eher heimgekehrt. Dort wurde entschieden, eine Arbeitsgruppe von afrikanischen Staatschefs einzurichten, die eine Lösung zu jener Krise finden soll, die mein Land, die Elfenbeinküste, seit zwei Monaten allmählich zerstört. Die sollen in einem Monat ihren Bericht vorlegen. “Was soll das denn nun schon wieder?”, fragte ich mich.

ZU IHRER INFORMATION – HIER IM BLOG – ARTIKELAUSWAHL – ELFENBEINKÜSTE WAHLKÄMPFE, WAHLEN, DIE KRISE – AUGUST 2010 BIS 10. FEBRUAR 2011

PORTRAITS VON GBAGBO und OUATTARA (und Bédié)

INTERESSANT AUCH: 2 Abidjaner JOURNALISTEN ÜBER PROBLEME UND HOFFNUNGEN; Übersetzungen von fünf Editorials aus dem Abidjaner “Le Nouveau Courrier”, (10/2010)

VORHER

ELFENBEINKÜSTE – 50 JAHRE UNABHÄNGIGKEIT, WAHLEN 31. OKTOBER (08/2010)

ELFENBEINKÜSTE, WAHLEN: PRÄSIDENT GBAGBO WILL “STÖRER NIEDERWERFEN” (09/2010)

1. WAHLRUNDE

WAHLKAMPF

WAHLEN VERLAUFWAHLEN ERGEBNISSE (3. und 9. 11.2010)

WAHLEN 2. RUNDE

WAHLKAMPF (20. – 26.11.2010)

DER WAHLTAG – DER BEGINN DES STREITS (28.11. – 02.12. 2010)

DIE POSTELEKTORALE KRISE

05.12. – 09.12.2010 (Zwei Präsidenten)

09. – 16.12.2010 (Gbagbos Panzer, Schlacht um TV)

17.12. – 27.12.2010 (Beginn internationaler Druck, Gbagbos Verschwörungstheorie, Mobilisierungen)

27.12.2010 – 03.01.2011 (Machtkampf)

04.01. – 11.01.2011 (Machtkampf, Druck, AU, Vermittlung, Flüchtlinge)

14.01. – 28.01.2011 (Gbagbos Geldhahn zu, gescheiterte Vermittlungen, mehr Druck)

30.01. – 08.02.2011 (AU-Gipfel, Gbagbo pleite)

Vor zwei Monaten haben die Ivorer unter den Augen der Welt mit 80% Beteiligung ihren Präsidenten gewählt. Fünf Jahre lang hatten sie auf diese Wahl gewartet. Laurent Gbagbo, der scheidende Präsident, hatte wiederholt so transparente Wahlen wie möglich versprochen, so dass niemand sie hinterher anfechten könnte.
Dafür hatte er die UNO gebeten, die Resultate zu zertifizieren. Fünf Jahre lang nörgelte er an allen Details herum, indem er die Wählerliste in Frage stellte, alle seine Verpflichtungen umwarf und die UNO-Resolutionen ablehnte. In 2007 unterzeichnete er dann ein Abkommen mit Guillaume Soro, dem Chef der Rebellion, die die Hälfte des Landes kontrollierte, und machte ihn zu seinem Premierminister. Beide richteten eine integrierte, aus Elementen der Armee und der Rebellion zusammengesetzte Kommandozentrale ein, die die Sicherheit während der Wahlen gewährleisten sollte.

Die zweite Wahlrunde, in der Laurent Gbagbo mit Alassane Ouattara konkurrierte, fand am 28. November statt, nachdem der ehemalige Präsident Henri Konan Bédié in der ersten ausgeschieden war. Kurz vor dem Wahltag hatte Gbagbo 1500 Soldaten der Armee in die von der Rebellion besetzten Gebiete geschickt, um, so bestätigte er, eine Beeinflussung der Wähler seitens der Rebellen zu verhindern.
Die unzweideutigen Ergebnisse wurden bekannt gegeben, Alassane Ouattara hat mehr als 54% der Wählerstimmen bekommen. Doch Laurent Gbagbo, der alles eingeplant hatte außer seiner Niederlage, weigert sich seitdem, seine Niederlage anzuerkennen und die Macht abzutreten.

Die Krise nach den Wahlen

Der aus Gbagbos kleinen Kameraden bestehende Verfassungsrat hat auf illegale Weise die Resultate aus sieben Departements, die massiv für Herrn Ouattara gestimmt hatten, annulliert und dies mit angeblichem Betrug in sechs Wahllokalen begründet. Dann hat er die Bestätigung der Wahlergebnisse seitens der UNO zurückgewiesen, dies mit nicht tolerierbarer Einmischung in die Angelegenheiten seines souveränen Staates begründet. Die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (Cédéao), die Afrikanische Union (AU), die Europäische Union, die UNO, alle haben sie den Sieg Ouattaras anerkannt und Gbagbo aufgefordert zu gehen.
Jede Nacht jedoch lässt er auf jene schiessen, die in Côte d’Ivoire gegen seinen «hold-up» protestieren, und jede Nacht entführen seine Milizen Menschen, die dann nicht wieder auftauchen. Ein Massengrab mit etwa sechzig Leichen ist aus der Nähe Abidjans gemeldet worden. Als der Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs sich dort einfand, wurde er von Männern in Drillich und anderen mit Masken und Raketenwerfern am Betreten des Hauses gehindert, aus dem das Massengrab signalisiert worden war.

Die Afrikanische Union und die Cédéao haben verschiedene Emissäre geschickt, um zu versuchen, das Problem zu regeln, aber Laurent Gbagbo beharrt immer auf seinen Positionen: er soll als Wahlsieger anerkannt werden. Die Cédéao hat den Einsatz von Gewalt in Betracht gezogen, um Gbagbo in die Knie zu zwingen. Dafür jedoch bräuchte es das Einverständnis der Afrikanischen Union, und von daher versteht sich das Gewicht der Entscheidung des AU-Sicherheitsrates zwei Tage vor der Gipfelkonferenz der Afrikanischen Union, an der auch der französische Präsident und aktuelle G20-Vorsitzende Nicolas Sarkozy teilnahm.

Obwohl die Elfenbeinküste derzeit vorläufig aus der Afrikanischen Union ausgesetzt ist, liefen in den Korridoren dort die Außenminister sowohl Laurent Gbagbos wie auch Allasane Ouattaras herum. Und dann gab es dort Mitglieder des Kommunikationsdienstes von Gbagbo, die dort Hefte verteilten mit dem, was sie “die Wahrheit über die post-elektorale Krise in der Elfenbeinküste” nennen.

Eines ihrer Dokumente titelt “Sarkozy, der Diener der amerikanischen Schokoladehersteller”, ein anderes erzählt, wie die UNO auf unbewaffnete Menschen schoss, ein drittes beschäftigt sich mit den “großen afrikanischen Widerstandskämpfern” wie Patrice Lumumba (Im Januar 1961 ermordeter kongolesischer Premier), Kwamé Nkrumah (Premierminister, dann Präsident von Ghana bis 1966) und anderen.

Gbagbo als Opfer eines internationalen Komplotts

Laurent Gbagbo stellt sich seinen Anhängern als jener dar, der gegen den französischen Imperialismus kämpft. Das ivorische Fernsehen, das er in «Télé Pjöngjang» umgewandelt hat, zeigt tägliche Paraden von Leuten, die bestätigen, dass er nach dem Vorbild von Helden wie Lumumba einen Kampf zur Befreiung des afrikanischen Kontinents führt, und dass die ganze Welt,von Sarkozy angeführt, sich aus diesem Grunde gegen ihn verbündet hat. Und Allasane Ouattara, der sei der Mann der Franzosen.

Augenscheinlich funktioniert diese Rhetorik bei gewissen afrikanischen Staatschefs, die nach der Entschlossenheit der ersten Tage den Rückwärtsgang eingelegt haben. Manche, wie der südafrikanische Präsident Jacob Zuma, fordern eine Neuauszählung der Stimmen, andere möchten eine Wahlwiederholung in den Gebieten, deren Stimmen vom Verfassungsrat annulliert wurden .

Mehrere (vor allem westafrikanische) Staatschefs jedoch, die meinen, Gbagbo lache der Welt ins Gesicht mit seiner Selbstdarstellung als Opfer eines internationalen Komplotts – wo er doch ganz einfach nur, wie so viele andere afrikanische Potentaten es vor ihm taten, sich an die Macht zu klammern versucht – erwarteten ihrerseits von der AU Militäreinsatz zur Restauration der Demokratie in der Elfenbeinküste. Denn es ist mit dem Erfolg des demokratischen Prozesses auf dem ganzen Kontinent eng verbunden . In diesem Jahr finden etwa 15 Wahlen in Afrika statt. Laurent Gbagbo seinen Kraftakt durchgehen lassen heisst akzeptieren, dass kein afrikanischer Staatschef jemals wieder zugeben wird, an den Urnen geschlagen worden zu sein. Und nun gibt sich der AU-Sicherheitsrat tatsächlich noch einen Monat, um eine Entscheidung zu treffen.

Militärgewalt um jeden Preis vermeiden

Nehmen sie überhaupt wahr, die Mitglieder dieses Sicherheitsrates, dass die Gbagbo-Milizen jeden Tag Frauen und Männer töten, foltern und die Menschenrechte verletzen? Die UN-Friedensmission in der Elfenbeinküste UNOCI und die Menschenrechtsorganisationen zählen bis heute 273 Tote, 63 Verschwundene, 90 Fälle körperlicher Folter, 23 Vergewaltigungen und über 23.000 Ivorer, die im benachbarten Liberia Zuflucht gesucht haben. Vor Ort, in der Côte d’Ivoire, hat die “Regierung” von Laurent Gbagbo ihren Anhängern den Befehl gegeben, UNO-Fahrzeuge zu durchsuchen, die von ihnen des Waffentransports für Alassane Ouattara verdächtigt werden Mehrere dieser Fahrzeuge wurden abgefackelt.

Am folgenden Tag gibt AU-Kommissionspräsident Jean Ping einige Präzisionen zur Entscheidung des Sicherheitsrates bekannt. Keinesfalls ginge es darum, den Wahlsieg Ouattaras in Frage zu stellen, nur ein einer militärischen Entmachtung folgendes Blutbad solle verhindert werden. «Im Kongo wurde Gewalt eingesetzt, und heute zählen wir fünf Millionen Tote. Das muss in Côte d’Ivoire vermieden werden.»

Bevor ich meine Heimat verließ, wurde berichtet, dass Gbagbo liberianische und angolanische Milizen und Söldner in die wichtigen Städte des Landes entsandt hatte, um ein Gemetzel unter der dortigen Zivilbevölkerung anzurichten – vor allem unter den Migranten aus Westafrika, im Falle eines militärischen Angriffs seitens ausländischer Mächte.

Ich werde also noch einen Monat warten müssen, bevor ich eine eventuelle Rückkehr in mein Land ins Auge fasse. “Stell Dir besser zwei Monate vor”, sagt mir in Addis-Abeba ein Freund von der UNOCI, der meine Situation daheim sehr gut kennt. Und da fällt mir der Satz meines Freundes Soro Solo ein, der die Elfenbeinküste im Jahre 2000 verließ, nachdem er einer Todesschwadron Laurent Gbagbo’s nur knapp entkommen war:

«Als ich ging, dachte ich, es wäre eine Sache von ein paar Wochen. Jetzt bin ich schon seit fast neun Jahren im Exil in Frankreich.»

Todesschwadronen in Abidjan

Am 10. Januar gegen 16h30 ruft mich ein ehemaliger Nachbar an und informiert mich, dass das CECOS (Kommandozentrale der Sicherheitsorgane, Centre de commandement des opérations de sécurité) soeben von meiner Wohnung, die ich zwei Jahre zuvor aufgegeben hatte, abgefahren sei:

«Sie sind zu sechst in einem Fahrzeug mit einem aufgesetzten Maschinengewehr angekommen und haben gefragt, ob das Deine Wohnung ist. Die junge Frau, die sie vor der Tür angetroffen haben, sagte, dass sie Dich nicht kennt und dass das nicht Deine Wohnung ist. Neben ihr stand ein etwa zehnjähriges Mädchen. Sie haben gefragt, ob sie Deine Tochter ist. Das Mädchen sagte Nein, sie zögerten etwas und dann fuhren sie wieder ab.»

Ein jeder in der Elfenbeinküste kennt CECOS. Sie wurde vor einigen Jahren von Laurent Gbagbo gegründet, um, so sagt er, das starke Bandenunwesen zu bekämpfen. Sie wird von Polizisten und Gendarmen gebildet, die sich vor allem durch Morde und Banditentum ausgezeichnet haben. Eines Tages, mitten am Tag, stoppte unter meinen Augen ein Fahrzeug der CECOS neben einem Mann, der mit seinem Handy telefonierte. Zwei Polizisten stiegen aus, ohrfeigten ihn, entrissen ihm sein Handy und stiegen wieder ein und fuhren weiter.

Seit Beginn der Krise ist es die CECOS, die nachts in Ouattara-freundlichen Vierteln Menschen entführt. In diesen Stadtvierteln haben die Einwohner Wachkommitees gegründet, die auf Töpfe schlagen, sobald sich eins dieser Fahrzeuge nähert. Dann kommen alle Leute heraus und versammeln sich. Die CECOS wird von General Guiai Bi Poin geführt, dem EU-Sanktionen drohen.

Seit der Bekanntgabe der Wahlergebnisse habe ich sowohl in ivorischen wie in ausländischen Medien unaufhörlich den “Raub der Demokratie” bloßgestellt, den Gbagbo durchführen wollte. Und ich wusste mich im Visier seiner Killer. Ihm nahestehende “Freunde” rieten mir mehrfach, Wasser in meinen Wein zu gießen. “Du weisst, wie das Land ist. Pass auf, man weiss nie, was passiert.” Hinter einem hohen Tor und mit solider Tür und in einem ruhigen, bewachten Viertel gelegen, war mein Haus eher sicher. Ich verließ es kaum, und selten allein. Und hin und wieder verbrachte ich die Nacht bei Freunden.

Als ich die Information über den Besuch der CECOS bei meiner ehemaligen Wohnung erhielt, dachte ich an Benoit Dakoury-Tabley, den ehemaligen Leibarzt Gbagbo’s, bevor dieser Präsident wurde. Als 2002 bekannt wurde, dass sein Bruder die Rebellion unterstützte, wurde Benoit am helllichten Tag von Männern im Drillich aus seiner Praxis entführt und sein von Kugeln durchsiebter Körper wurde am folgenden Tag gefunden. Gleiches passierte dem Schauspieler Camara «H», einem glühenden Anhänger Alassane Ouattara’s, der in jener Zeit in den Augen des Gbagbo-Clans der Pate der Rebellion war.

In jüngster Zeit wurden in weniger als einem Monat Dutzende von Menschen auf diese Weise von den berüchtigten Todesschwadronen eliminiert. Diese haben mit ihrer Aktivität erst aufgehört, als Laurent Gbagbo und sein Frau Simone öffentlich beschuldigt wurden, die Urheber zu sein, und ihnen Strafverfolgung vor dem Internationalen Strafgerichtshof angedroht worden ist.

An dem Tag, als die CECOS zu meiner Wohnung unterwegs war, zählte man in Abidjan mehr als 160 Tote. Die ONUCI beschuldigte Gbagbo’s Sicherheitskräfte klar und deutlich, dafür verantwortlich zu sein. Am gleichen Abend diskutierte ich das mit ivorischen und ausländischen Kollegen. Als die ivorische Presse darüber berichtete, nahmen sich viele Personen vor, mich zu verstecken. Und Freunde, die sich im Golf-Hotel aufhielten, wo Ouattara und seine ganze Regierung verschanzt waren, luden mich ein, zu ihnen zu kommen. Die UNOCI organisierte die Rotation zwischen ihrem Hauptquartier und der Schutztruppe am Golf-Hotel per Helikopter, und man bot mir einen Platz an. Mein Haus verlassen um mich anderswo zu verstecken erschien mir allerdings wie ein Gefängnis gegen das andere eintauschen.

Ich habe mich nach Gesprächen mit mir Nahestehenden dann entschlossen, mein Land zu verlassen, und mich für Frankreich entschieden. Dort hatte ich während meines Jurastudiums fünf Jahre verbracht und dort habe ich zahlreiche Freunde. Zudem schreibe ich auch in einigen französischen Zeitungen, und mein neuestes Buch soll im Februar bei meinem Genfer Verleger Pierre Marcel Favre erscheinen. Ich hatte ein gültiges französisches Visum und etwas Geld. Ich setzte mir in den Kopf, ich würde vierzehn Tage Urlaub in Europa machen und vor Ende Januar wäre alles vorbei.

Freunde ermöglichten mir einen Hubschrauberflug nach Bouaké, der zweitgrößten Stadt des Landes, die von den Rebellen Guillaume Soro’s kontrolliert wird. Hier waren alle von Gbagbo Verfolgten willkommen. Ich mag Bouaké, es ist nicht weit weg von meiner Mutter und ich habe viele Freunde dort, aber man langweilt sich in dieser Stadt eben zu Tode.

Zwei Tage später informierte mich ein Kabinettsmitglied Alassane Ouattara’s, dass dessen neuer Botschafter in Frankreich über Bouaké nach Ouagadougou fliegen würde, mit einem kleinen Flugzeug und einem Platz für mich darin. So landete ich am Montag, 17. Januar, in Ouagadougou, und am nächsten Tag mit einem regulären Flug in Paris.

Einige Tage später schlug mir der Chef vom Afrique Magazine den Korrespondentenjob beim AU-Gipfel in Addis-Abeba vor, am 2. Februar geht es zurück nach Paris. Die zwei Wochen, die ich mir gegeben hatte, sind schon um. Wie schnell doch die Zeit im Exil vergeht.

Venance Konan (aus Addis-Abeba)
Venance Konan (*1958 in der Côte d’Ivoire / Elfenbeinküste) ist Journalist und Autor und hat sein Jura-Studium mit einer Promotion in Nizza abgeschlossen. Er war lange Jahre bei Fraternité-Matin, der größten Tageszeitung des Landes, tätig; er ist heute Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und Zeitschriften in seiner Heimat und in Frankreich. Zu seinen literarischen Werken gehören die Romane Les prisonniers de la haine (Abidjan 2003, «Die Gefangenen des Hasses ») und Les Catapila, ces ingrats (Paris 2009, «Die Krabbelkäfer, diese Undankbaren ») sowie u.a. die Erzählbände Robert et les Catapila (Abidjan 2005) und Nègreries (Abidjan 2007).
Kindheit: “Das Verschwinden meines Vaters”

Winterlicher Brief an einen blutrünstigen König
Lettre d’hiver à un roi sanguinaire
31/01/2011 Tiburce Koffi frz. Original, darunter Kontaktadresse
Deutsche Übersetzung von Andreas Fecke

An Ousmane Guira, meinen brüderlichen Freund, meinen Beschützer,
und an alle jene, die ich dort unten gelassen habe, an den schrecklichen Ufern der Ébrié-Lagune (Region und Sinnbild).
Bald wird es Tag werden!

Tiburce-Koffi-1688Noch ein Brief an Deine geschätzte Aufmerksamkeit, mein lieber Laurent (Gbagbo). Und ich bin mir heute sicher, dass es nicht der letzte sein wird; der letzte nämlich wird als Hauptthema den Kommentar zur Bilanz Deines Regnums beziehungsweise des Endes Deines Regimes beinhalten. Deine Herrschaft: diese Verbrechen aller Art (wirtschaftliche, ethische,ökologische, politische und vor allem menschliche), die sie gekennzeichnet haben werden. Deine Herrschaft: diese furchtbare und traumatisierende Regentschaft. Mit Vergnügen also werde ich diesen Kommentar schreiben.

Zur Stunde schreibe ich Dir nun diesen Brief, um Dir zu erzählen, was Deine Sicherheitsdienste Dir nicht haben mitteilen können, was Du aber seitdem der Presse entnommen haben wirst: meine Abreise oder eher meine Flucht aus der Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire). Du verstehst, dass ich die Anmaßung ja wohl nicht bis zu dem Punkt treiben konnte, Dir bei meiner Abreise ein “Auf Wiedersehen” zuzurufen oder einen kleinen, “freundschaftlichen” Anruf zu tätigen!
Und von hier aus rate ich, wie sauer Du auf die Killer gewesen sein musst, die Du engagiert hattest, um mit mir “fertig zu werden”, wie wütend, dass sie mir “erlaubten”, das Land zu verlassen. Aber, mein lieber Laurent, was glaubst denn Du? Selbst die verhärtetsten Mörder haben manchmal einen Moment des Zweifels, der Infragestellung ihres dreckigen Jobs. Einen Schriftsteller, einen von den Seinen gekannten und anerkannten Kulturschaffenden, den tötet man nicht mit derselben Gleichgültigkeit, die man sich beim Mord an einem einfachen Demonstranten in Abidjan über’s Gesicht zieht.

Aber ja, lieber Laurent, auch ich zähle auf bedeutende “Helfer”, im Land und selbst im Inneren Deiner Kriminellentruppen. Manche von ihnen sind sogar Fans geblieben; sie haben mich von der Gefahr wissen lassen, und dank der Unterstützung aller konnte ich dem Land entfliehen. Baue nicht auf mich, um Dir ihre Namen zu verraten! Also wirklich, Laurent!

Mein Freund Venance – Du wirst es auch mitbekommen haben – kam mir mit der Flucht zuvor, beim ersten Alarmzeichen – auch er wäre beinahe von den CECOS entführt worden. Ich meinerseits wollte der Panik nicht nachgeben und vor Ort bleiben, um Dein Regime der Mörder und ehrlosen Verbrecher zu bekämpfen. Dem Land entfliehen, dem Sabber Deiner Mördermiliz entkommen, mich in Sicherheit bringen, meine Haut retten, darüber kann man nachdenken. Wie aber weggehen, allein, und die Meinen im Land lassen – meine Brüder und Schwestern, meinen kranken Vater, meine Freundinnen und Freunde, all jene lieben Menschen, die täglich die Gluthitze Deines Terrorregimes durchleben?
Flucht hat immer einen bitteren Geschmack: den Geschmack der Panik, der Angst, vor allem der Feigheit. Nein, mir war es unmöglich, fortzugehen; unmöglich, trotz des Drucks um mich herum, trotz der Warnungen (mancher “netter” Bullen aus den Reihen des Geheimdienstes). Seit einiger Zeit schon war es mir unmöglich geworden, zweimal in Folge am selben Ort zu schlafen ohne durch einen Alarm aus dem Schlaf gerissen zu werden: “Tiburce, hau schnell aus dem Viertel ab. Suspekte Leute streunen um die Häuser….”

Wie oft hatte ich mich aus einem solchen, gefährlich gewordenen Ort nicht verdünnisieren müssen? Schließlich habe ich mich entschlossen, das Land zu verlassen, entgegen meinem Willen, Laurent, weil, wie die Baoulé (Ethnie) sagen: « A sassa houn ti man srê » – Vorsicht ist keine Angst. Also bin ich von zu Hause, aus meinem Land, weggegangen, an einem Tag zu Beginn des Harmattan (Westwind). Ein letztes Mal habe ich dem Zirpen der Grillen unter meinem Fenster gelauscht – Reflex eines Poeten. Ich habe mir das Viertel angeschaut, den Busch drum herum, die Silhouetten einiger Bewohner, die meine Tragödie nicht kennen, die dreckigen und stinkenden Staraßen der Siedlung; unaufmerksam habe ich den betäubenden Lärm eines Zouglouhits (lokale Jugendmusik) gehört, und alle diese tönenden Pestilenzen, die den Niedergang eines Volkes erzählen, meines Volkes; ein gestern noch so zivilisiertes und in Afrika so respektiertes Volk; ein Volk, das durch die vergiftende Aktion eines politischen Briganten namens Laurent Gbagbo unlebbar, unmöglich und hoffnungslos geworden ist.

Es Dir klar sagen

Nein Laurent, mit Dir, vorbei, ganz einfach vorbei die Eleganz der Worte. Und ich sage es Dir unverblümt: Schau Dich an, Laurent, schau, was aus Dir geworden ist: Ein kleines Negerköniglein, gefangen im Schwindelgefühl des Thrones; ein Mann, der kein Mensch mehr ist, sondern ein von seinem Instinkt (dem des Machterhalts durch Gewalt) geleitetes politisches Tier, geleitet auch durch düstere Individuen, die an den Privilegien kleben, die Du ihnen als Belohnung für ihre bestialische Dienstbarkeit gabst. Ich habe gesagt “Laurent, schau, was aus Dir geworden ist”. Vielleicht aber täusche ich mich (schon wieder) in Bezug auf Dich (wie ich mich oft in meinem Leben in Bezug auf meine Freundschaften täuschte); denn heute verstehe ich, dass Du in Wahrheit nicht “geworden” bist, sondern Dich enthüllst … endlich! Du enthüllst Dich, mehr noch: ich ent-Decke Dich.

Mein Freund Alex Kipré hat mir oft gesagt: “Tiburce, die Leute irren sich. Weder Macht noch Geld ändern einen Menschen wesentlich. Sie enthüllen ihn bloß.” Und er führt es fort: “Gbagbo ist so, er war so, und er war schon immer so gewesen, schon bevor er an die Macht gelangte; Du bist es, Tiburce, der es nicht bemerkt hatte; und jetzt hast Du es festgestellt. Das ist Dein Problem mit Gbagbo.” Anderntags hat er mir das gesagt: “Ich bin von Gbagbo nicht enttäuscht, denn ich hatte von ihm nichts erwartet; ich wusste, dass er ein Land nicht führen kann, schon gar nicht eins wie die Elfenbeinküste.” Nun denn, Laurent, Alex Kipré hatte mir einmal eine Anekdote erzählt, die mich damals amüsierte, mich heute aber über Dein wahres Ich aufklärt: irgendwo in einem kleinen Dorf oder in einem Viertel von Abidjan oder von Gagnoa (spielt wirklich keine Rolle wo), ein Fussballspiel, an dem Du teilnahmst. Im Finale wurde Deine Mannschaft geschlagen. Als der Pokal übergeben wurde, sprangst Du zur Überraschung aller (Publikum und Spieler) auf, hast Dir die Trophäe geschnappt und bist mit dem Spielgewinn davongerannt! Verblüffend!

Laurent, schau also, wie Deine Vergangenheit Dich verfolgt; diese düstere, neblige, geisterhafte und bewegte Vergangenheit. Eine Vergangenheit ohne erzieherische Eleganz, ohne ethische Bezüge, ohne Geist eines fair-play. Als Du Dich an jenem Abend des 3. Dezember (2010)weigertest, den verdienten Wahlsieg Herrn Ouattaras anzuerkennen, das war nicht der Ex-Staatschef (der Du an dem Tag ja geworden warst); es war diese trübe und getrübte Kindheit, die aus den tiefen Gründen Deiner einzelgängerischen Geschichte als Straßenkind, als ungeliebtes Kind, wieder auferstand; diese Geschichte, die Du so gerne ändertest und neu schriebst, als Du Deinem Schicksal einen anderen Lauf gabst. So beschlossest Du “jemand zu werden”.

Jemand werden! Das ist kein Delikt, es ist sogar eine Qualität. Was für eine Art Mensch aber werden? Ein Dichter, ein Sportler, ein Händler, ein Wissenschaftler? Es gibt so viele Berufe, Laurent. Du aber hattest sehr früh (Du erzähltest mir, am Ende der Mittelstufe) entschieden, … Präsident der Republik! zu werden. Also machtest Du aus der Politik einen Beruf! Es wurde Dein großer Traum, Dein Fantasmus, Deine Obsession, und das seit Deiner Jugend. Als Du mit 55 Jahren Staatschef wurdest, war es für Dich die Verwirklichung eines lang gehegten Traumes, es war das Ende eines langen Tunnels für Dich.

Erinnerst Du Dich, Laurent, dass Du dem Meister (Bernard Zadi, ivorischer Poet) eines Tages erzähltest, dass Du in die Geschichte eintreten wolltest? Erinnerst Du Dich auch an die weise und intelligente Antwort, die der Meister Dir gab? Ich erinnere Dich: “Das Wichtige ist nicht, in die Geschichte einzutreten, Laurent, sondern zu wissen, durch welche Tür man hineinkommt und durch welche wieder hinaus.”
Zwei Jahre später las ich eine verblüffende Rede von Abdourahmane Sangaré (einem weiteren Deiner dienstbaren Geister), in der er Dir unerhörte Loblieder sang. In diesem Diskurs eines schlecht inspirierten Gnoms aus anderen Zeiten sagte er, dass der Krieg der höchste Akt sei, durch den der Mensch seinen Wert und seine Größe unterstreiche; und das Du, von diesem Gesichtspunkt her, von nun an in die Geschichte eingetreten seiest und ein Mann von großem Wert, weil Du … in den Krieg gezogen warst! Unglaublich!

In die Geschichte eintreten! Sehr gut, Laurent. War es aber nötig, da einzutreten, indem Du diesem Volk, das doch nicht anderes verlangte als brav zu leben, so viel Ärger bereitetest? Du hast es geschafft, Laurent. Hut ab, Herr der Apokalypse! In die Geschichte eintreten! Ja, Laurent, heute kannst Du Dich rühmen, tatsächlich in sie eingetreten zu sein. Aber noch einmal die entscheidende Frage des Meisters: durch welche Tür bist Du eingetreten? Die Antwort kennst Du: die Tür der Intrigen, des Komplotts, der verbalen und physischen Gewalt, der Lüge, des Betrugs, des Verrats, des Verbrechens, des Blutes, und, Gipfel des Horrors, des Krieges! Es ist noch nicht vorbei, Laurent, es ist nicht vorbei, denn die große Frage bleibt: wie wirst Du enden? Wie wird dieses schwere Unwetter enden, das Du auf unser Volk geworfen hast, ein vormals so neckisches, friedliches, fantasiereiches und in Disziplin und Weisheit so großzügiges Volk?

Du hast die Jugend pervertiert, es ist Dir gelungen, die vielversprechendste Schicht einer jeden Gesellschaft, die sich wirkliche Chancen des Erblühens und der Selbstbestätigung geben will, abzustumpfen. Du hast den großen “houphouétistischen” Traum des Aufbaus einer starken und produktiven Nation verhökert, und das für die Bestätigung Deines persönlichen, egoistischen und geizigen Sterns. Du hast entschieden, alles, was mit Ethik zu tun hat oder von fern oder nah an sie erinnert, aus Deinem Leben zu tilgen. Aber sage mir, Laurent: wie nur kannst Du mit all diesen stinkenden Schweinereien auf den blutroten Seiten Deiner schrecklichen Biografie weiterleben? Wie kann man lachen, im Fernsehen Reden halten, und das von morgens bis abends, nachdem man menschliche Leben hat auslöschen lassen? Hörst Du nicht die Schreie der Qual der Gemarterten aus Abobo und Anyama, aus Koumassi oder Vridi, hörst Du sie nicht in den Nächten der unerträglichen und kranken Verbrechen? Wie schaffst Du es zu leben, wenn Du das Leben kennst, das Deine Milizen den anderen gestohlen hat? Dieser anderen, deren einziges Verbrechen es war, nicht so zu denken wie Du und das Leben nicht so zu sehen wie Du es siehst? Vor allem aber: wie konntest Du es tolerieren, dass Deine Verbrecher entschieden hatten, mich zu töten, mich, den Freund?

Ja, Laurent, den Freund. Du bist es gewesen, der diesem Volk live im Fernsehen gesagt hat, dass ich Dein Freund bin. Sage es mir also noch einmal: wie kann man befehlen, einen Freund zu töten? Ja, Du bist ein Bété (Ethnie), Laurent, ein Bété; und als jemand, der von Bété aufgenommen, erzogen, ausgebildet und strukturiert wurde, weiss ich, was bei diesem so lieben Volk Freundschaft ist: ein heiliger Wert, sogar der höchste aller Werte. Wie hast Du es also geschafft, Dich von der Macht blind machen zu lassen, so blind, dass Du auf diesen höchsten Wert spuckst, den die Bété über alle Zeiten hinweg zu kultivieren wussten? Du hast versucht, Professor Maurice Guikahuié umbringen zu lassen, einen Kardiologen, einen Mann, der das Herz der Menschen heilt, das Herz, durch das Leben möglich wird. Du hast den Arzt Dakoury umbringen lassen, in Deinen Augen schuldig der Krankenversorgung der Rebellen seit der ersten Stunde dieser Rebellion, die uns noch nicht alle ihre Leichen im Keller gezeigt hat. Du hast versucht, Marcel Zadi Kessé umbringen zu lassen. Dieser so großzügige und liebenswerte Mann, welche Hilfe hatte er Dir nicht zuteil werden lassen, in Deinen qualvollen Zeiten, als Du wie ein hart gewordener Arbeitsloser dreckige Hemden trugst, so schlampige wie Du selber es warst? Laurent, was bedeutet diese Undankbarkeit, diese schlimme Verzerrung Deiner so zerbrechlichen und so mickrigen Erinnerung? Undankbarkeit, Undankbarkeit, Erinnerungsverlust…

Verflucht sei, wer einen Arzt tötet oder ihn töten lässt! Verflucht, tausend und einmal verflucht sei der, der versucht, den Künstler zu töten!

Angst über der Stadt

Angst, Angst und Angst über den Stadtvierteln, Laurent. Auch Kälte. Uns ist kalt. Die Côte d’Ivoire friert. Unsere Monde frieren, unsere Sonnen frieren. Auch mir ist kalt in diesem Pariser Winter, wo mich eine böse Grippe am Schlafen hindert. Ah, Laurent! Du mehr-als-Pest und und Lepra aus Kogodékro, dem Dorf der “kokoyés” (Leprösen) der Elfenbeinküste…

Laurent, warum macht töten Dir keine Angst? Warum nimmst Du anderen das Leben, dieses Leben, das Dir nicht gehört und das Du mit solcher Leichtigkeit ausradierst, wie ein Schriftsteller ein störendes Semikolon aus seinem Text entfernt? Als Schriftsteller und dramatischer Autor (genauer gesagt Tragiker) passiert es mir während meiner Nächte des Schreibens sogar zu weinen, wenn ich einen meiner dickköpfigen Helden in den Tod schicke! Wie machst Du das, Du, richtige Leben zu TÖTEN, menschliche Wesen zu töten, und dann noch in der Lage zu sein zu lachen, zu essen, zu kopulieren, vor allem mit den tausend und einen Deiner Liebchen aus der lagune ébrié. Diese stinkende, tote, dreckige und ungesunde Lagune, die das Herz Deines Regimes verschmutzt hat und Deine Milizen, deren Herzen so schlecht sind wie ko n’dou samlan – eine schwarze Seife mit Pottasche? Laurent, wie streichelst Du noch den Körper einer Frau, wenn Du gerade mit dem Töten der Kinder Deines Landes fertig geworden bist?

Ah, Laurent, sieh, wie Du mich bekümmerst! Und (wegen der Freundschaft, die ich Dir gegenüber empfand) fühle ich mich an jedem Tag erniedrigt, an dem die Presse mir das morbide Echo der Verbrechen Deiner wilden und grausamen Milizen schickt.

Das Motto dieses dazumals schönen Landes ist: Einheit, Disziplin, Arbeit! Du hast uns enteint, Du hast uns undiszipliniert und faul werden lassen. Nunmehr ist Dein Regnum nichts weiter als ein dumpfer Gewaltakt, ein permanentes Aufrütteln des Geistes des Terrors und des Todes.

Tod. Tod und Tote. Diese Toten pflastern deinen Weg. Die Stille ist tot, der Tag ist tot, der Friede ist tot, die Lagune, diese lagune ébrié, auch sie ist tot. Der Tod dieser Lagune ist ein Symbol, Laurent: Wasser ist der Ursprung des Lebens. Eine vielfältige Population lebte in dieser Region: Krokodile, Fische, Frösche und Kröten, Wasserschlangen, usw.; alles in allem, das LEBEN. Du hast auch diese Lagune getötet, Laurent. Sogar die Lagune hast Du umgebracht. Wie viele Verbrechen wirst Du zeichnen müssen, um diesen Tornado aus Feuer und Leidenschaften abzustellen, der Dich bewohnt und Dich ruiniert, Dich gestrigen Sohn aus Mama-namenloses-Dorf?

Was? Laurent? Du hast all diese Bücher gelesen (die auch ich las), all diese Gedichte geschrieben (auch ich schrieb welche), Du hast musiziert (ich musiziere noch), Du hast die Bibel gelesen, Du bist ein Christ (wie ich es war), Du hast Sport getrieben (mache ich noch), Du hast all diese Frauen geliebt (dieses wunderbare “Laster” teilen wir), Du hast all diese Dinge getan, um Dich heute so wiederzufinden? Rund um die Erde verhöhnt, abgelehnt, disqualifiziert? Schau Dich doch an, Laurent, in einem Spiegel, und entdecke das immense Ausmaß des Horrors, den Du in die Viertel gesät hast …

Der unheilvolle Tanz der Simone (Gbagbo’s Gattin und Einflüsterin)

Ich sage es Dir weiterhin: “Guck in den Spiegel, Laurent.” Suche Dir einen besonderen Moment aus, am besten spät in der Nacht. Die Nacht, wo alle, Wesen und Dinge, ihren von der Last des Alltags ermüdeten Seelen und Körpern einen Moment der Ruhe gönnen. Schau Dich an, Laurent, und sieh, was aus dem Land unter Deiner Herrschaft geworden ist: Radio, Fernsehen, Fraternité Matin, alle diese Staatsmedien, die Du unter das Diktat Deiner obskuren Passion gestellt hast: die Macht! “Hier bin ich, hier bleibe ich”, hast Du kürzlich in einer Ausgabe der Zeitschrift « Jeune Afrique » gesagt. Der Slogan Deines Wahlkampfes war : “Wir gewinnen oder wir gewinnen”… Die Botschaft war deutlich: keine Alternative, ich werde die Macht behalten. Laurent, Du hattest uns aber doch gesagt: “Gebt mir die Macht, damit ich sie Euch zurückgebe.” Gestern gaben wir Dir die Macht. Heute, zehn Jahre später, haben wir entschieden, sie Dir wieder abzunehmen um sie einer anderen Person anzuvertrauen. Die Macht gehört Dir nicht. Warum weigerst Du Dich, abzutreten?

Laurent, Du weisst sehr gut, dass “Dein” Yao-Ndré (Gbagbo-Freund und Verfassungsratspräsident) den Präsidenten unserer Republik nicht an unserer Stelle aussuchen kann; Du weisst sehr gut, dass er unsere Stimmen nicht weglöschen darf, um Dich als Präsidenten zu “dekretieren”; Du weisst sehr gut, dass Du diese Präsidentschaftswahlen, die Du auf keinen Fall hättest gewinnen können, verloren hast. Es ist nur eine Frage des gesunden Menschenverstandes: Du kannst nicht hoffen, eine Wahl dieser Bedeutung zu gewinnen, allein durch das Abfallen (zu Deinen Gunsten) der Aktivisten Deiner Gegner! das ist ein sinnloses Kalkül, Laurent. Wie armselig doch Deine Ratgeber sind! Laurent, ich sage es Dir, ich habe Wahlkampf für Ouattara gemacht in Marcory, Zone 4, Koumassi und im Baoulé-(Ethnie) Land. Dieses Baoulé-Land, sprechen wir darüber.

Wie konntest Du nur einen Moment lang glauben, die Baoulé würden Dir ihre Stimmen geben, Dir, der Du diese ethnische Gruppe all die Zeit Deiner Regenz als heimlicher Oppositioneller, wo Du das Gift des Hasses gegen sie verspritztest, nur angegriffen hattest? Die Baoulé, diese ethnische Gruppe, die Du immer für schuldig an den “Fehlern” von Houphouët, dem Baoulé, gehalten hattest? Wie hast Du es geschafft zu glauben, diese Baoulé da würden Dich wählen, Dich, der Du Houphouët beleidigt und Bédié und Banny gedemütigt hast, diese drei politischen Figuren, drei Symbole der Größe ihres Volkes? Houphouët war im guébie niemals geliebt, Laurent, und Du weisst warum: jede menschliche Gruppe hat eine Kultur der kollektiven Erinnerung. Und sie trägt nach, diese Erinnerung. Schade, dass der Geschichtsprofessor, der Du bist, diesen simplen Fakt nicht verstehen konnte. Und alle diese Baoulé-Berater, die Dich anlogen, Dich betrogen, weil Du die Illusionen, die man Dir verkauft, gut bezahlst. Und alle diese Berater aus dem Norden, die Dich ausgenutzt haben, weil Du Geld hast – diesen immensen, aus der ivorischen Staatskasse geklauten Reichtum. Diesen Reichtum, den Du an die “kleinen” Weissen (Guy Laberti und Konsorten) verteilst und sogar an die “alten” Weissen (Vergès, Roland Dumas und Konsorten), die Dir neckisch schmeicheln kommen, weil sie wissen, dass Du wie jeder schlechte Neger nur all jene magst, die Dir Macht versprechen und Dein blutiges Regime beschützen.

Laurent, im Internet habe ich Simone – Deine verdammte Seele – sich einem ungewöhnlichen Tanz hingeben gesehen, wie eine Hexe in der Nacht der Kabale. Jawohl, die Simone mit dem Herzen eines verängstigten Mannes. Und ich habe ihre starken und robusten Hände gesehen; und ich habe ihr Lächeln gesehen (oder eher das blöde Grinsen, welches ihr das Lächeln ersetzt); vor allem aber habe ich ihre Zähne gesehen. Weiss, sehr weiss sind sie, diese Zähne. Und das Weiss ihrer Zähne bildete einen auffallenden Gegensatz zu dem matten Schwarz ihrer Haut. Und sie tanzte, Simone von Moosou; sie tanzte, besoffen von der usurpierten Macht.

Tanz des Todes und des Blutes der Gekreuzigten aus Abobo-die-Misere!
Sie tanzt, Simone!
Schamloser Tanz
Böser Tanz
Sie tanzt, tanzt, tanzt!
Die Hexer haben unsere Tage der Ruhe geschluckt
Und sie tanzt, Simone-die-Voodoo-Frau, gefährlicher als die Bouna-Schlange!
Die Verbrecher haben unsere dreckigen Abidjaner Straßen mit Fallen gespickt
Und sie tanzt, Simone-die-Büffelfrau der schlechten Märchen
Irgendwo in Abobo beweint eine Familie den Tod von Sidi
Irgendwo in Anyama beweint eine andere den Tod von Kwaku
Das Land ist vom Tod eingekreist
Mein Land ist vom Gespenst des Todes traumatisiert
der Tod, der berauscht ist, der Tod, der murmelt
Und sie tanzt, tanzt, Simone-der-Terror!
Der Raubtiertanz, der gierige Tanz der Seelendiebe
Sie tanzt, Simone, mit perfider und kanaillenhafter Freude
Sie tanzt den Tanz des Dämonen!…

Ach, Du mein Volk, was ist aus Dir geworden? Wer wird uns befreien von diesem Übel, von diesem plötzlichen und schleichenden Terror, der uns so schlecht ge-wandelt, so pervertiert hat? Wer befreit uns von Gbagbo-dem-Blitz?
Laurent, ich sage es Dir: wenn Du nach der Lektüre dieses Briefes (und ich weiss, dass Du ihn liest) Deinen Leuten (immer noch) erlaubst, auf ein Kind zu schiessen, auf ein einziges Kind dieses Landes, dann weil Du kein Mensch mehr bist: Du bist das Wrack eines Menschen, Du bist der Rückstand des SEINS. Und wisse, mein wütender Schrei wird Dich bis in alle tausend Ecken der Welt verfolgen. Nimm es als gesagt, Laurent, nimm es als versprochen. Schriftsteller sprechen nicht leichthin.

Aus Paris, Tiburce Koffi.
Tiburce Koffi (*1955 in Bouaké, Elfenbeinküste) ist Schriftsteller, Dramaturg, Filmregisseur und Journalist.


Chers francophones!

Vous voici dans une rubrique présentant des traductions allemandes d’auteurs africains (principalement francophones aussi). Comme ici, je copie la première partie des originaux avec le lien pour continuer la lecture.
Voici ma rubrique Cote d’Ivoire.

1. Pourquoi j’ai quitté mon pays
Jan/2011 par VENANCE KONAN

L’écrivain et journaliste ivoirien Venance Konan vient de fuir Abidjan. Très critique à l’égard du régime Gbagbo, il craignait pour sa vie.

Il est presque minuit ce vendredi 28 janvier à Addis-Abeba, lorsqu’un confrère qui a suivi jusqu’au bout la réunion du Conseil de sécurité et de paix (CSP) de l’Union africaine (l’équivalent du Conseil de sécurité des Nations Unies) nous retrouve à l’hôtel. Fatigué de faire le pied de grue dans le couloir de la salle de conférence, j’étais rentré un peu plus tôt. Il a été décidé de constituer un panel de chefs d’Etat africains qui seront chargés de trouver une solution à la crise qui mine la Côte d’Ivoire, mon pays, depuis deux mois. Ils devront rendre leur rapport dans un mois. «Qu’est-ce que c’est encore que cette histoire?» me demandai-je.

Il y a deux mois, les Ivoiriens ont voté à plus de 80% pour élire leur président de la République, sous les regards du monde entier. Ils attendaient cette élection depuis cinq ans. Laurent Gbagbo, le président sortant, affirmait vouloir une élection la plus transparente possible, de manière à ce que personne ne puisse la contester plus tard.

Pour cela, il avait demandé à l’ONU d’en certifier les résultats. Pendant cinq ans, il a pinaillé sur tous les détails, remettant en cause la liste électorale, foulant aux pieds tous ses engagements, rejetant les résolutions de l’ONU. En 2007 il a signé un accord avec Guillaume Soro, le chef de la rébellion qui occupe la moitié du pays et l’a nommé Premier ministre. Cahin-caha, l’élection a fini par arriver. Laurent Gbagbo et Guillaume Soro avaient mis sur pied un Centre de commandement intégré, composé d’éléments de l’armée et de la rébellion, chargé d’assurer la sécurité lors de l’élection.

On a voté le second tour le 28 novembre, après l’élimination au premier tour de l’ancien président Henri Konan Bédié. Il y avait à ce second tour Laurent Gbagbo face à Alassane Ouattara. Juste avant le scrutin, Laurent Gbagbo avait dépêché 1.500 soldats dans les zones occupées par la rébellion, pour éviter —affirmait-il— que les rebelles n’influencent les électeurs.

Les résultats ont été annoncés, sans ambigüité. Alassane Ouattara a obtenu plus de 54% des voix des électeurs. Mais Laurent Gbagbo, le président sortant, qui avait tout prévu sauf sa défaite, refuse depuis lors de reconnaître sa défaite et de quitter le pouvoir.
Crise post-électorale

Le Conseil constitutionnel, composé de ses petits copains, a illégalement annulé les résultats de sept départements qui ont massivement voté pour M. Ouattara, au motif qu’il y aurait eu des fraudes dans six bureaux de vote. Et il rejette la certification des résultats faite par l’ONU, en parlant d’intolérable ingérence dans les affaires de son Etat souverain. La Communauté économique des Etats d’Afrique de l’Ouest (Cédéao), l’Union africaine, l’Union européenne et l’ONU ont tous reconnu la victoire de M. Ouattara, et demandé à Laurent Gbagbo de partir.

Mais il fait tirer sur tous ceux qui en Côte d’Ivoire contestent son «hold-up» et chaque nuit, ses milices enlèvent des gens qui ne réapparaissent plus. …
=> L’ARTICLE


2. Lettre d’hiver à un roi sanguinaire

31/01/2011 par Tiburce Koffi

Encore une lettre ouverte à ton attention, mon cher Laurent. Et je suis certain, aujourd’hui, que ce ne sera pas la dernière; car la dernière aura pour thème principal le commentaire du bilan de ton règne ou plus précisément la fin de régime. Ton règne : ces crimes de tous ordres (économique, éthique, environnemental, politique et surtout humain) qui l’auront marqué. Ton règne ; cette régence affreuse et traumatisante. C’est donc ce commentaire-là que je me ferai le plaisir de faire.

Pour l’heure, je t’écris aujourd’hui cette lettre pour t’informer de ce que tes Service de renseignements (ou ce qu’il en reste) n’ont pu te dire auparavant et que tu as dû savoir depuis, par la presse: mon départ ou plutôt ma fuite de la Côte d’Ivoire. Tu comprends que je ne pouvais tout de même pas pousser l’outrecuidance jusqu’à aller te dire ‘‘au revoir’’ en partant, ni même à te donner un coup de fil ‘‘amical’’! Et je devine, d’ici, combien tu dois être furieux contre les tueurs que tu as engagés pour ‘‘en finir avec moi’’ ; furieux pour m’avoir ‘‘permis’’ de quitter le pays. Mais qu’est-ce que tu crois, mon cher Laurent, même les assassins les plus endurcis ont parfois des moments de doute, de remise en cause de leur sale besogne. On ne tue pas avec la même indifférence qu’on afficherait pour un obscur manifestant d’Abobo, un écrivain, un artiste connu et reconnu des siens.

Eh oui, Laurent, je compte aussi des ‘‘soutiens’’ de taille au pays, et même au sein de ton armée de criminels! Quelques-uns d’entre eux sont même restés des fans; ils m’ont informé du péril et, grâce aux soutiens de tous, j’ai pu sortir du pays. Ne compte pas sur moi pour te dire leurs noms ! Tout de même, Laurent !

Mon ami Venance, tu as dû l’apprendre aussi, m’a précédé dans la fuite, dès la première alarme – lui aussi a failli se faire enlever par le CECOS. Moi, je n’avais pas voulu céder à la panique, et j’avais voulu rester sur place, pour combattre ton régime d’assassins et de criminels sans honneur. Fuir le pays, échapper à la bave de ta milice assassine, me mettre à l’abri, sauver ma peau, cela peut se concevoir. Mais comment partir, seul, et laisser au pays les miens – mes frères et sœurs, mon père malade, mes amis (es), tous ces êtres chers qui vivent au quotidien la fournaise de ton régime de terreur? La fuite a toujours un goût amer : le goût de la panique, de la peur, de la lâcheté surtout. Non, il m’était impossible de partir ; impossible, malgré la pression alentour, malgré les alertes (de certains flics ‘‘gentils’’ parmi les Renseignements généraux). Depuis quelques temps, il me fut impossible de dormir deux fois de suite au même endroit, sans être tiré de mon sommeil par une alerte : « Tiburce, sors vite du quartier ; des gens suspects sont en train d’entourer les lieux »…

Combien de fois n’avais-je pas dû m’éclipser de tel endroit devenu dangereux ? Finalement, je me suis résolu à quitter le pays, Laurent, malgré moi, parce que, comme disent les Baoulé : « A sassa houn ti man srê » – la prudence n’est pas de la peur. Alors je suis parti de chez moi, de mon pays, une nuit de début d’harmattan. J’ai écouté pour une dernière fois le chant des grillons dessous la fenêtre de ma chambre – un réflexe de poète. J’ai regardé le quartier, les maquis alentour, les silhouettes de quelques habitants qui ne savent pas la tragédie quotidienne que je vis, les rues sales et puantes de la cité; j’ai écouté, distrait, le bruit assourdissant de la musique d’un mauvais tube zouglou, et toutes ces pestilences sonores qui disent la déchéance d’un peuple, mon peuple ; un peuple hier encore si civilisé, si respecté en Afrique; un peuple devenu invivable, impossible et désespéré par l’action nocive d’un brigand politique nommé Gbagbo Laurent.

Te le dire clairement

Non, Laurent, finie, bel et bien l’élégance des mots, avec toi. Et je m’en vais te le dire crûment: regarde-toi, Laurent, regarde ce que tu es devenu: un pauvre roitelet nègre pris au piège du vertige du trône; un homme qui n’est plus un homme, mais une bête politique guidée par son instinct (celui de la conservation du pouvoir par la force) et aussi par de sombres individus accrochés aux privilèges (financiers) que tu leur as accordés, en récompense de leur servilité bestiale. J’ai dit « Laurent, regarde ce que tu es devenu ». Mais peut-être que je me trompe (encore) sur ton compte (comme je me suis souvent trompé dans ma vie, à propos de mes amitiés) ; car je comprends, aujourd’hui, qu’en fait, tu n’es pas ‘‘devenu’’…, tu te révèles… enfin ! Tu te dé-couvres ou plutôt je te découvre.
=> L’ARTICLE

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