Elfenbeinküste – Zwei Briefe an einen An-der-Macht-Kleber (I)

Ein Gastbeitrag in zwei Teilen von Andreas Fecke, Venance Konan und Tiburce Koffi

Mitte und Ende Januar dieses Jahres flohen die beiden ivorischen Schriftsteller und Journalisten Venance Konan und Tiburce Koffi aus ihrer Heimat, der Côte d’Ivoire/ Elfenbeinküste.
Seit Anfang Dezember 2010, kurz nach der entscheidenden 2. Runde der fünf Jahre lang immer wieder verschobenen Präsidentschaftswahl ist diese, 2002 in eine nördliche “Rebellen”- und eine größere “loyale” Zone geteilte und 2007 durch ein Arrangement der Machtteilung politisch wieder zusammengeführte Nation die einzige auf der Welt mit zwei gesamtnationalen Präsidenten: dem ehemaligen und nicht scheiden wollenden Laurent Gbagbo und dem international anerkannten Alassane Ouattara, der die von der UNO gemäß verschiedener Resolutionen und inner-ivorischen Abkommen kontrollierte und zertifizierte Wahl mit etwa 54% gegen 46% gewonnen hatte.

KarteHerr Gbagbo (ausgesprochen: Bahboh) und seine Regierung stützen sich auf alte Machtstrukturen und Kameraden, auf Armee sowie Polizei und berüchtigte Sicherheitskräfte, auf die “staatlichen” Massenmedien und auf eine ethnisch-politisch fanatisierte Jugend seiner Ethnie, der Bété, dem Rekrutierungspotenzial von “privaten” Gbagbo-Milizen.
Herr Ouattara und seine Regierung sind immer noch hinter Schutztruppen der UN-Mission UNOCI und Einheiten ehemaliger nördlicher Rebellen im Abidjaner Golf Hotel verschanzt – um alle herum steht ein Ring von Gbagbo-treuen Truppen. Ouattara baut auf seinen rechtmäßigen Status, ausnahmslose internationale Anerkennung und Unterstützung auch seitens der Afrikanischen Union und insbesondere seitens der Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten(internationale Sanktionen wie Kontensperren und Reiseverbote laufen gegen rund 70 hohe Verantwortliche des Gbagbo-Regimes), auf die Milizen im Norden, seit einigen Wochen auf die Kontrolle der ivorischen Finanzen – und natürlich seine Anhänger, bislang meistens die Opfer von Terror und selber eher defensiv gewalttätig.

Fast wie ein Negativfoto der – so, aber vielleicht nicht mehr, darf man es momentan wohl nennen – Veränderungen in manchen arabischen Ländern Nordafrikas nach den Volksaufständen gegen die Autokraten in Tunesien und Ägypten erscheint also die ebenso blutige, aber unglaublich hoffnungslosere Situation in diesem, für die ehemaligen westafrikanischen Kolonien Frankreich’s typischen Land am Golf von Guinea. Kein geeinter Aufstand “Volk gegen Regime” ist in Sicht, denn Volk und Gesellschaft wurden nach vielversprechenden Anfängen und Entwicklung nach der Entkolonisierung von verschiedenen Kräften fast planvoll parzelliert.

Anders auch als im Nachbarland Guinea und im Sahelland Niger: Dort kandidierten Ende 2010 und momentan (2. Runde Präsidentschaftswahlen 12. März) mit Alpha Condé (der gewann) und Mahamadou Issoufou auch zwei “historische Oppositionelle” mit weissen Westen für die Präsidentschaft. Die ivorische Wahl zeichnete sich hingegen durch die Konkurrenz dreier langjähriger “ewiger Kontrahenten” mit Hausmächten aus derzeitigen und ehemaligen Regierungsämtern, und aus drei der größeren der sechzig, vormals friedlich zusammenlebenden Ethnien eines in den Ethnozentrismus gesteuerten Landes aus.

Gbagbo AmtseidUnd so kann ein Möchtegern-Ewigpräsident, keiner, der Wahlen fälschte, sondern einer, der der Opposition Wahlbetrug vorwarf(!), seit mehr als seit zwei Monaten (noch) ausharren und so zählen UNO und Menschenrechteorganisationen zwischen Dezember und Januar (ohne eine wahrscheinlich nicht unbedeutende Dunkelziffer) fast 300 Tote, etwas 70 Verschwundene und 26.000 Flüchtlinge ins noch bitterarme, aber jetzt immerhin bürgerkriegsfreie und hoffnungsvolle Nachbarland Liberia, wo Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf auch in diesem Jahr zur Wiederwahl antritt, gegen einige “Ehemalige”, die sie 2007 besiegt hatte.

In zwei Teilen bietet dieser Artikel nach einem Kurzabriss der politischen Zusammenhänge nicht zwei, sondern drei “Offene Briefe an die Macht” und einen Artikel, in denen die beiden ivorischen Neu-Exilanten Konan und Koffi auf ihre Weise afrikanische Einblicke in eine Undemokratie, in einen Machtkleber und in eine afrikanische Oppositionskultur, die noch ohne die geeinte Volksrebellion gegen das Regime auskommen muss. Teil 1: “Warum ich mein Land verlasse” und “Offener Brief an Laurent Gbagbo” von Venace Konan, Teil 2 “Offener Brief an Kardinal Bernard Agré” von ihm und der Offene Brief an Gbagbo von Tiburce Koffi. Sie selber werden am Ende jedes Teiles kurz vorgestellt.

Die Historie

Der Name Elfenbeinküste spricht Bände und kann als Symbol sowohl für die Kolonialgeschichte wie für den eigentlichen Reichtum des Landes gelten. Sie verfügt über die stärkste Wirtschaft der 15 in der Wirtschaftsunion ECOWAS (CEDEAO frz) vereinten westafrikanischen Länder. Sie ist der weltweit größte Exporteur von Kakao. So war sie auch stets – aus je nach Zeit und politischer Situation unterschiedlichen und wechselnden Gründen – Zielgebiet von Emigranten aus den Nachbarländern Guinea, Liberia, Mali, Burkina Faso, kaum aus Ghana. Die “Fremden”, auch die in späterer Generation und durchaus mit Wahlrecht integrierten, bilden auch eine große Bevölkerungsgruppe und waren während des Wahlkampfes in 2010 ein umworbenes Völkchen: “Wir würden ja Ouattara wählen, aber der Bürgermeister ist gekommen und hat gesagt, dass ja wohl klar ist, wen wir wählen. Wir wollen hier nur friedlich leben und keinen Ärger”. Seit die ECOWAS im Dezember mit militärischer Entmachtung Gbagbos droht, sind sie neben den städtischen Ouattara-Anhängern die hauptsächliche Zielgruppe von Terrormilizen.

Nach der Unabhängigkeit 1960 bis zu seinem Tod war der aus der mit den französischen Kommunisten liierten “Republikanischen Widerstandsfront” hervorgegangene Félix Houphouët-Boigny, “Vater der Nation”, Präsident ohne im westlichen Sinne demokratische Ambitionen, aber mit einer Idee: der der einigen, starken, produktiven und sozial gerechten Nation inklusive prowestlicher und markwirtschaftlicher Orientierung und Industrialisierung.
Zwei Jahrzehnte geht es den Ivorern – abgesehen von den durch die Vernachlässigung der ländlichen Gebiete explodierenden urbanen Zonen mit ihrer in den Armenvierteln grassierenden Arbeitslosigkeit – gut und besser, dann brechen 1978 die Kakao- und Kaffeepreise ein und sinken zehn Jahre lang weiter, die folgende Wirtschaftskrise endet mit Unruhen. Die beenden Anfang der 1990er im nunmehr bankrotten Staat das Einparteiensystem.

Ouattara Amtseid1993 rückt der Vize Henri Konan Bédié, unterlegener Kandidat bei den Wahlen 2010, der in der 2. Runde zur Wahl Ouattaras bzw. Abwahl Gbagbos aufrief, ins Präsidentenamt, steht völlig unter dem Diktat internationaler Finanzinstitutionen und schafft es, die Wirtschaft zu sanieren, nicht aber die Lebenssituation des Volkes. 1995 wird er wiedergewählt in einer Wahl, in der der populäre Gegenkandidat und heutige rechtmäßige Präsident Alassane Ouattara erstmals ausgeschlossen wird, aus Gründen der vom Präsidenten eingeführten “Nicht-Ivorität” – er ist ein ethnischer Malinké. Der Ethnizismus feiert seinen Durchbruch. “Aus der Zeit Bédié stammt auch die Ideologie der Ivorité, welche die Bewohner der Elfenbeinküste in echte Ivorer und jene Ethnien aus dem Norden des Landes, die identisch mit Bevölkerungsgruppen aus Mali und Burkina Faso sind, einteilt. Diese Ideologie wurde vor allem dazu entwickelt, Konkurrenten wie Ouattara zu marginalisieren und um sich lokale Konflikte zwischen Einheimischen und Fremden zunutze zu machen.” Zitat Wikipedia/ Geschichte Elfenbeinküste, die für den gesamten historischen Abriss als Quellenangabe reichen sollte und kann – die meisten Quellen des Gastautoren sind französisch.

1999 hat ein Militärputsch Erfolg und die zuvor in der Elfenbeinküste unbekannte Ideologie “Politik = Krieg” feiert ihren Durchbruch. General Guéï “redemokratisert” 2000, verliert die Wahl für ihn überraschend gegen Gbagbo, erkennt dessen Sieg nicht an, wird aber von einem von Gbagbo mobilisierten Volksaufstand verdrängt. Gbagbo ist Präsident, allerdings war Ouattara wieder ausgeschlossen. 2002 putscht ein Teil des Militärs erfolglos, dann teilt sich das Land in den Norden der Rebellen und den die von Gbagbo kontrollierten Gebiete im Zentrum und Süden Die Militarisierung feiert ihren Durchbruch, Gbagbo gerät ins Visier von Resolutionen und Sanktionen der UNO, die auch zur Trennung der Parteien die ersten Blauhelme einmarschieren lässt. Eskalationen und gescheiterte Friedensverhandlungen wechseln einander ab. Bei den Präsidentschaftswahlen 2005 kandidiert gar keiner mehr, sie finden nicht statt, Gbagbo regiert kommissarisch weiter und ist der Hauptverursacher der folgenden wiederholten Wahlverschiebungen bis 2010. 2007 gibt es zwar zwischen Gbagbo und dem Rebellenführer Guilleaume Soro einen Friedensvertrag mit Machtteilung (Soro wird Premierminister) sowie Plänen und Vereinbarungen bezüglich freier Wahlen unter UN-Kontrolle, verschoben wird aber noch drei Jahre lang.

Anfang 2010 sieht Gbagbo schließlich seine Bedenken ausgeräumt. “Schließlich wurden die Präsidentschaftswahlen mit einem ersten Wahlgang am 31. Oktober 2010 durchgeführt. Bei einer Wahlbeteiligung von etwa 80 Prozent gewannen unter 14 Kandidaten der derzeit amtierende Präsident Gbagbo mit 38 Prozent sowie als Kandidaten der Opposition Alassane Ouattara (RDR) mit 32 Prozent und Henri Konan Bédié (PDCI) mit 25 Prozent die meisten Stimmen. Eine Stichwahl zwischen Gbagbo und Ouattara fand am 28. November 2010 statt. Davor kündigten beide an, das Auszählungsergebnis überprüfen zu lassen. Aus der Stichwahl ging laut dem Ergebnis der Wahlkommission CEI (Commission électorale indépendante) Alassane Ouattara mit 54% der Stimmen als Sieger hervor. Der Verfassungsrat erklärte jedoch die Ergebnisse in vier Regionen für nichtig. Dadurch habe nun Gbagbo die Stichwahl gewonnen. Daraufhin legten sowohl der bisherige Amtsinhaber Laurent Gbagbo als auch Alassane Ouattara den Amtseid ab. Gemäß dem Mandat der UN-Mission UNOCI muss der Sondergesandte Young-Jin Choi das Wahlergebnis zertifizieren. Nach seiner Prüfung erklärte er das Ergebnis der Wahlkommission für gültig. Seitdem kam es zwischen Anhängern beider Lager zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Todesopfern.” Soweit die Kurzfassung aus Wikipedia/ Elfenbeinküste

Alle afrikanischen und internationalen Institutionen erkennen Ouattara als Präsidenten an und machen im Wochentakt immer mehr Druck. ECOWAS droht Ende Dezember mit Wohlwollen, aber ohne ausdrückliche Zustimmung der AU mit militärischer Entmachtung, die westafrikanische Währungsunion UEMOA entzieht Gbagbo die Zeichnungsbefugnis für sein Land bei ihrer Zentralbank und gibt sie an Ouattara – ein wichtiger Schritt, denn die Elfenbeinküste hat weder eigene Währung noch eigene Zentralbank; alles internationale Geld kommt über die UEMOA. Im Januar scheitert Gbagbo mit einer Beschlagnahme der UEMOA-Bankfilialen in seinem Land, die daraufhin geschlossen werden. Ende Dezember zahlte Gbagbo noch alle Gehälter, Ende Januar die Lehrergehälter und Pensionen bereits nicht mehr. Wie lange wird er seine Truppen und Getreuen bezahlen können? Das scheint die Frage zu sein, zudem Ouattara nach einem an den Sicherheitskräften gescheiterten “Volkssturm” auf die Fernsehanstalt Mitte Januar erfolgreich zu einem Kakaoboykott bis Ende Februar aufrief und diese Quelle auch versiegt. Mehrere Vermittlungsversuche der Afrikanischen Union scheiterten in den letzten Wochen. Einziger Lichtblick für Gbagbo heute: Unter dem Eindruck der Rebellionen in Nordafrika schafften es gewisse afrikanische Führer beim AU-Gipfel Ende Januar, die AU in den Rückwärtsgang zu hebeln und statt klarer Sanktionen bis zum Militäreinsatz ein Sondergremium einzurichten, das in einem Monat “eine Lösung” finden soll. Mehr dazu gleich bei Venance Konan und im Ausblick des Gastautoren am Ende des zweiten Teils. Als Quelle für diesen Absatz und Möglichkeit zu detaillierter Information über alle Ereignisse seit dem ersten Wahlkampf 2010 sehen Sie bitte hier eine datierte Titelliste von deutsch übersetzten Berichten der AFP-Korrespondenten in der Elfenbeinküste, im Afrikablog des Gastautoren.

Warum ich mein Land verlassen habe
Pourquoi j’ai quitté mon pays (frz. Original)
28/01/2011 VENANCE KONAN
Deutsche Übersetzung von Andreas Fecke

Venance KonanFast Mitternacht ist es an diesem Freitag 28. Januar in Addis Abeba (Äthiopien), als ein Kollege, der die Sitzung des Sicherheitsrates der Afrikanischen Union bis zum Schluss verfolgt hat, im Hotel zu uns stößt. Müde des endlosen Wartens vor den Türen des Konferenzsaales war ich etwas eher heimgekehrt. Dort wurde entschieden, eine Arbeitsgruppe von afrikanischen Staatschefs einzurichten, die eine Lösung zu jener Krise finden soll, die mein Land, die Elfenbeinküste, seit zwei Monaten allmählich zerstört. Die sollen in einem Monat ihren Bericht vorlegen. “Was soll das denn nun schon wieder?”, fragte ich mich.

Vor zwei Monaten haben die Ivorer unter den Augen der Welt mit 80% Beteiligung ihren Präsidenten gewählt. Fünf Jahre lang hatten sie auf diese Wahl gewartet. Laurent Gbagbo, der scheidende Präsident, hatte wiederholt so transparente Wahlen wie möglich versprochen, so dass niemand sie hinterher anfechten könnte.
Dafür hatte er die UNO gebeten, die Resultate zu zertifizieren. Fünf Jahre lang nörgelte er an allen Details herum, indem er die Wählerliste in Frage stellte, alle seine Verpflichtungen umwarf und die UNO-Resolutionen ablehnte. In 2007 unterzeichnete er dann ein Abkommen mit Guillaume Soro, dem Chef der Rebellion, die die Hälfte des Landes kontrollierte, und machte ihn zu seinem Premierminister. Beide richteten eine integrierte, aus Elementen der Armee und der Rebellion zusammengesetzte Kommandozentrale ein, die die Sicherheit während der Wahlen gewährleisten sollte.

Die zweite Wahlrunde, in der Laurent Gbagbo mit Alassane Ouattara konkurrierte, fand am 28. November statt, nachdem der ehemalige Präsident Henri Konan Bédié in der ersten ausgeschieden war. Kurz vor dem Wahltag hatte Gbagbo 1500 Soldaten der Armee in die von der Rebellion besetzten Gebiete geschickt, um, so bestätigte er, eine Beeinflussung der Wähler seitens der Rebellen zu verhindern.
Die unzweideutigen Ergebnisse wurden bekannt gegeben, Alassane Ouattara hat mehr als 54% der Wählerstimmen bekommen. Doch Laurent Gbagbo, der alles eingeplant hatte außer seiner Niederlage, weigert sich seitdem, seine Niederlage anzuerkennen und die Macht abzutreten.

Die Krise nach den Wahlen

Der aus Gbagbos kleinen Kameraden bestehende Verfassungsrat hat auf illegale Weise die Resultate aus sieben Departements, die massiv für Herrn Ouattara gestimmt hatten, annulliert und dies mit angeblichem Betrug in sechs Wahllokalen begründet. Dann hat er die Bestätigung der Wahlergebnisse seitens der UNO zurückgewiesen, dies mit nicht tolerierbarer Einmischung in die Angelegenheiten seines souveränen Staates begründet. Die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (Cédéao), die Afrikanische Union (AU), die Europäische Union, die UNO, alle haben sie den Sieg Ouattaras anerkannt und Gbagbo aufgefordert zu gehen.
Jede Nacht jedoch lässt er auf jene schiessen, die in Côte d’Ivoire gegen seinen «hold-up» protestieren, und jede Nacht entführen seine Milizen Menschen, die dann nicht wieder auftauchen. Ein Massengrab mit etwa sechzig Leichen ist aus der Nähe Abidjans gemeldet worden. Als der Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs sich dort einfand, wurde er von Männern in Drillich und anderen mit Masken und Raketenwerfern am Betreten des Hauses gehindert, aus dem das Massengrab signalisiert worden war.

Die Afrikanische Union und die Cédéao haben verschiedene Emissäre geschickt, um zu versuchen, das Problem zu regeln, aber Laurent Gbagbo beharrt immer auf seinen Positionen: er soll als Wahlsieger anerkannt werden. Die Cédéao hat den Einsatz von Gewalt in Betracht gezogen, um Gbagbo in die Knie zu zwingen. Dafür jedoch bräuchte es das Einverständnis der Afrikanischen Union, und von daher versteht sich das Gewicht der Entscheidung des AU-Sicherheitsrates zwei Tage vor der Gipfelkonferenz der Afrikanischen Union, an der auch der französische Präsident und aktuelle G20-Vorsitzende Nicolas Sarkozy teilnahm.

Obwohl die Elfenbeinküste derzeit vorläufig aus der Afrikanischen Union ausgesetzt ist, liefen in den Korridoren dort die Außenminister sowohl Laurent Gbagbos wie auch Allasane Ouattaras herum. Und dann gab es dort Mitglieder des Kommunikationsdienstes von Gbagbo, die dort Hefte verteilten mit dem, was sie “die Wahrheit über die post-elektorale Krise in der Elfenbeinküste” nennen.

Eines ihrer Dokumente titelt “Sarkozy, der Diener der amerikanischen Schokoladehersteller”, ein anderes erzählt, wie die UNO auf unbewaffnete Menschen schoss, ein drittes beschäftigt sich mit den “großen afrikanischen Widerstandskämpfern” wie Patrice Lumumba (Im Januar 1961 ermordeter kongolesischer Premier), Kwamé Nkrumah (Premierminister, dann Präsident von Ghana bis 1966) und anderen.

Gbagbo als Opfer eines internationalen Komplotts

Laurent Gbagbo stellt sich seinen Anhängern als jener dar, der gegen den französischen Imperialismus kämpft. Das ivorische Fernsehen, das er in «Télé Pjöngjang» umgewandelt hat, zeigt tägliche Paraden von Leuten, die bestätigen, dass er nach dem Vorbild von Helden wie Lumumba einen Kampf zur Befreiung des afrikanischen Kontinents führt, und dass die ganze Welt,von Sarkozy angeführt, sich aus diesem Grunde gegen ihn verbündet hat. Und Allasane Ouattara, der sei der Mann der Franzosen.

Augenscheinlich funktioniert diese Rhetorik bei gewissen afrikanischen Staatschefs, die nach der Entschlossenheit der ersten Tage den Rückwärtsgang eingelegt haben. Manche, wie der südafrikanische Präsident Jacob Zuma, fordern eine Neuauszählung der Stimmen, andere möchten eine Wahlwiederholung in den Gebieten, deren Stimmen vom Verfassungsrat annulliert wurden .

Mehrere (vor allem westafrikanische) Staatschefs jedoch, die meinen, Gbagbo lache der Welt ins Gesicht mit seiner Selbstdarstellung als Opfer eines internationalen Komplotts – wo er doch ganz einfach nur, wie so viele andere afrikanische Potentaten es vor ihm taten, sich an die Macht zu klammern versucht – erwarteten ihrerseits von der AU Militäreinsatz zur Restauration der Demokratie in der Elfenbeinküste. Denn es ist mit dem Erfolg des demokratischen Prozesses auf dem ganzen Kontinent eng verbunden . In diesem Jahr finden etwa 15 Wahlen in Afrika statt. Laurent Gbagbo seinen Kraftakt durchgehen lassen heisst akzeptieren, dass kein afrikanischer Staatschef jemals wieder zugeben wird, an den Urnen geschlagen worden zu sein. Und nun gibt sich der AU-Sicherheitsrat tatsächlich noch einen Monat, um eine Entscheidung zu treffen.

Militärgewalt um jeden Preis vermeiden

Nehmen sie überhaupt wahr, die Mitglieder dieses Sicherheitsrates, dass die Gbagbo-Milizen jeden Tag Frauen und Männer töten, foltern und die Menschenrechte verletzen? Die UN-Friedensmission in der Elfenbeinküste UNOCI und die Menschenrechtsorganisationen zählen bis heute 273 Tote, 63 Verschwundene, 90 Fälle körperlicher Folter, 23 Vergewaltigungen und über 23.000 Ivorer, die im benachbarten Liberia Zuflucht gesucht haben. Vor Ort, in der Côte d’Ivoire, hat die “Regierung” von Laurent Gbagbo ihren Anhängern den Befehl gegeben, UNO-Fahrzeuge zu durchsuchen, die von ihnen des Waffentransports für Alassane Ouattara verdächtigt werden Mehrere dieser Fahrzeuge wurden abgefackelt.

Am folgenden Tag gibt AU-Kommissionspräsident Jean Ping einige Präzisionen zur Entscheidung des Sicherheitsrates bekannt. Keinesfalls ginge es darum, den Wahlsieg Ouattaras in Frage zu stellen, nur ein einer militärischen Entmachtung folgendes Blutbad solle verhindert werden. «Im Kongo wurde Gewalt eingesetzt, und heute zählen wir fünf Millionen Tote. Das muss in Côte d’Ivoire vermieden werden.»

Bevor ich meine Heimat verließ, wurde berichtet, dass Gbagbo liberianische und angolanische Milizen und Söldner in die wichtigen Städte des Landes entsandt hatte, um ein Gemetzel unter der dortigen Zivilbevölkerung anzurichten – vor allem unter den Migranten aus Westafrika, im Falle eines militärischen Angriffs seitens ausländischer Mächte.

Ich werde also noch einen Monat warten müssen, bevor ich eine eventuelle Rückkehr in mein Land ins Auge fasse. “Stell Dir besser zwei Monate vor”, sagt mir in Addis-Abeba ein Freund von der UNOCI, der meine Situation daheim sehr gut kennt. Und da fällt mir der Satz meines Freundes Soro Solo ein, der die Elfenbeinküste im Jahre 2000 verließ, nachdem er einer Todesschwadron Laurent Gbagbo’s nur knapp entkommen war:

«Als ich ging, dachte ich, es wäre eine Sache von ein paar Wochen. Jetzt bin ich schon seit fast neun Jahren im Exil in Frankreich.»

Todesschwadronen in Abidjan

Am 10. Januar gegen 16h30 ruft mich ein ehemaliger Nachbar an und informiert mich, dass das CECOS (Kommandozentrale der Sicherheitsorgane, Centre de commandement des opérations de sécurité) soeben von meiner Wohnung, die ich zwei Jahre zuvor aufgegeben hatte, abgefahren sei:

«Sie sind zu sechst in einem Fahrzeug mit einem aufgesetzten Maschinengewehr angekommen und haben gefragt, ob das Deine Wohnung ist. Die junge Frau, die sie vor der Tür angetroffen haben, sagte, dass sie Dich nicht kennt und dass das nicht Deine Wohnung ist. Neben ihr stand ein etwa zehnjähriges Mädchen. Sie haben gefragt, ob sie Deine Tochter ist. Das Mädchen sagte Nein, sie zögerten etwas und dann fuhren sie wieder ab.»

Ein jeder in der Elfenbeinküste kennt CECOS. Sie wurde vor einigen Jahren von Laurent Gbagbo gegründet, um, so sagt er, das starke Bandenunwesen zu bekämpfen. Sie wird von Polizisten und Gendarmen gebildet, die sich vor allem durch Morde und Banditentum ausgezeichnet haben. Eines Tages, mitten am Tag, stoppte unter meinen Augen ein Fahrzeug der CECOS neben einem Mann, der mit seinem Handy telefonierte. Zwei Polizisten stiegen aus, ohrfeigten ihn, entrissen ihm sein Handy und stiegen wieder ein und fuhren weiter.

Seit Beginn der Krise ist es die CECOS, die nachts in Ouattara-freundlichen Vierteln Menschen entführt. In diesen Stadtvierteln haben die Einwohner Wachkommitees gegründet, die auf Töpfe schlagen, sobald sich eins dieser Fahrzeuge nähert. Dann kommen alle Leute heraus und versammeln sich. Die CECOS wird von General Guiai Bi Poin geführt, dem EU-Sanktionen drohen.

Vor WahllokalSeit der Bekanntgabe der Wahlergebnisse habe ich sowohl in ivorischen wie in ausländischen Medien unaufhörlich den “Raub der Demokratie” bloßgestellt, den Gbagbo durchführen wollte. Und ich wusste mich im Visier seiner Killer. Ihm nahestehende “Freunde” rieten mir mehrfach, Wasser in meinen Wein zu gießen. “Du weisst, wie das Land ist. Pass auf, man weiss nie, was passiert.” Hinter einem hohen Tor und mit solider Tür und in einem ruhigen, bewachten Viertel gelegen, war mein Haus eher sicher. Ich verließ es kaum, und selten allein. Und hin und wieder verbrachte ich die Nacht bei Freunden.

Als ich die Information über den Besuch der CECOS bei meiner ehemaligen Wohnung erhielt, dachte ich an Benoit Dakoury-Tabley, den ehemaligen Leibarzt Gbagbo’s, bevor dieser Präsident wurde. Als 2002 bekannt wurde, dass sein Bruder die Rebellion unterstützte, wurde Benoit am helllichten Tag von Männern im Drillich aus seiner Praxis entführt und sein von Kugeln durchsiebter Körper wurde am folgenden Tag gefunden. Gleiches passierte dem Schauspieler Camara «H», einem glühenden Anhänger Alassane Ouattara’s, der in jener Zeit in den Augen des Gbagbo-Clans der Pate der Rebellion war.

In jüngster Zeit wurden in weniger als einem Monat Dutzende von Menschen auf diese Weise von den berüchtigten Todesschwadronen eliminiert. Diese haben mit ihrer Aktivität erst aufgehört, als Laurent Gbagbo und sein Frau Simone öffentlich beschuldigt wurden, die Urheber zu sein, und ihnen Strafverfolgung vor dem Internationalen Strafgerichtshof angedroht worden ist.

An dem Tag, als die CECOS zu meiner Wohnung unterwegs war, zählte man in Abidjan mehr als 160 Tote. Die ONUCI beschuldigte Gbagbo’s Sicherheitskräfte klar und deutlich, dafür verantwortlich zu sein. Am gleichen Abend diskutierte ich das mit ivorischen und ausländischen Kollegen. Als die ivorische Presse darüber berichtete, nahmen sich viele Personen vor, mich zu verstecken. Und Freunde, die sich im Golf-Hotel aufhielten, wo Ouattara und seine ganze Regierung verschanzt waren, luden mich ein, zu ihnen zu kommen. Die UNOCI organisierte die Rotation zwischen ihrem Hauptquartier und der Schutztruppe am Golf-Hotel per Helikopter, und man bot mir einen Platz an. Mein Haus verlassen um mich anderswo zu verstecken erschien mir allerdings wie ein Gefängnis gegen das andere eintauschen.

Ich habe mich nach Gesprächen mit mir Nahestehenden dann entschlossen, mein Land zu verlassen, und mich für Frankreich entschieden. Dort hatte ich während meines Jurastudiums fünf Jahre verbracht und dort habe ich zahlreiche Freunde. Zudem schreibe ich auch in einigen französischen Zeitungen, und mein neuestes Buch soll im Februar bei meinem Genfer Verleger Pierre Marcel Favre erscheinen. Ich hatte ein gültiges französisches Visum und etwas Geld. Ich setzte mir in den Kopf, ich würde vierzehn Tage Urlaub in Europa machen und vor Ende Januar wäre alles vorbei.

Freunde ermöglichten mir einen Hubschrauberflug nach Bouaké, der zweitgrößten Stadt des Landes, die von den Rebellen Guillaume Soro’s kontrolliert wird. Hier waren alle von Gbagbo Verfolgten willkommen. Ich mag Bouaké, es ist nicht weit weg von meiner Mutter und ich habe viele Freunde dort, aber man langweilt sich in dieser Stadt eben zu Tode.

Zwei Tage später informierte mich ein Kabinettsmitglied Alassane Ouattara’s, dass dessen neuer Botschafter in Frankreich über Bouaké nach Ouagadougou fliegen würde, mit einem kleinen Flugzeug und einem Platz für mich darin. So landete ich am Montag, 17. Januar, in Ouagadougou, und am nächsten Tag mit einem regulären Flug in Paris.

Einige Tage später schlug mir der Chef vom Afrique Magazine den Korrespondentenjob beim AU-Gipfel in Addis-Abeba vor, am 2. Februar geht es zurück nach Paris. Die zwei Wochen, die ich mir gegeben hatte, sind schon um. Wie schnell doch die Zeit im Exil vergeht.
Venance Konan (aus Addis-Abeba)

Offener Brief an Gbagbo: “Warum wurdest Du schließlich Kouglizia, dieser andere mythische Vogel, der nur den Tod ankündigt?”
Venance Konan à Gbagbo : “Pourquoi fus-tu finalement le Kouglizia, cet autre oiseau mythique qui n`annonce que la mort ?”
04.01.2011, von Venance Konan, frz Original
Deutsche Übersetzung von Andreas Fecke

Die Nacht wird fallen, Laurent Koudou Gbagbo. Sie wird lang sein. Sehr lang, Laurent Koudou. Denn es ist die Nacht Deines Rendezvous mit Deinem Schicksal, Laurent. Hast Du Dir die Augenlider ausgerissen? Hast Du es wie Sakouato gemacht, der mythische Vogel aus Deiner Heimat, der, mit der Aufgabe betraut, die Dörfer vor herannahenden Gefahren zu warnen, sich die Augenlider herausgerissen hatte, um sich nicht vom Schlaf überraschen zu lassen? Koudou, die Nacht wird lang werden. Es wird die Deines Schicksals sein. Und des Schicksals Deines Landes, der Elfenbeinküste.
Wie man in den Dörfern während der langen Totenwachen das Feuer unterhält, indem man regelmäßig Holzstückchen hinzugibt, so will ich diese lange Nacht unterhalten, lass mich Dir Dein Leben erzählen. Lass mich Deinen Weg auf dieser Erde erzählen, wie man es während der langen Totenwachen am Feuer macht. Denn eine Trauerwache wird sie sein, diese Nacht. Morgen wird es mindestens einen Toten geben, Laurent, Du weisst es. Du oder Dein Land, an das Du Dein Schicksal vor so langer Zeit schon gebunden hattest. Kommen wir der Totenwache also zuvor! Und verzeihe mir meine Erinnerungslücken, Laurent Koudou Gbagbo, Sohn von Zézé Koudou Paul Gbagbo.

Koudou, geboren wurdest Du am 31. Mai 1946 in Mama, da unten, im Bété (Ethnie)-Land, im Westen dieses Territoriums, das damals französische Kolonie war und 1960 die République de Côte d’Ivoire wurde. Zézé Koudou Paul Gbagbo kam gerade erst aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Du wurdest sehr kurze Zeit nach seinem Kennenlernen von Marguerite, Deiner Mutter, geboren, was böse Zungen behaupten ließ, er wäre nicht Dein richtiger Vater gewesen. Marguerite selber erzählte dann bei der Beerdigung von Zézé Koudou Paul, dass sie vor ihm mit einem Malinké verheiratet war, jenem Volk, das aus dem Norden der Elfenbeinküste und Nachbarländern gekommen war. Manche sagten, Dein richtiger Vater wäre ein Ausländer gewesen. Egal. Große Männer haben oft obskure Herkünfte.

Sicher ist, dass Du eine Kindheit in Armut verbrachtest. Oft hast Du es Deinem Volk erzählt, um Deinen Erfolg zu unterstreichen. Zézé Koudou Paul war ein Polizist und Vater einer zahlreichen Nachkommenschaft…
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Teil 2 erscheint in zwei Tagen und beinhaltet vor einem Ausblick des deutschen Gastautoren von Venace Konan “Brief an Seine Eminenz Kardinal Bernard Agré – Welche Art von Pastor sind Sie eigentlich?” und von Tiburce Koffi “Winterlicher Brief an einen blutrünstigen König”.

Venance Konan (*1958 in der Côte d’Ivoire / Elfenbeinküste) ist Journalist und Autor und hat sein Jura-Studium mit einer Promotion in Nizza abgeschlossen. Er war lange Jahre bei Fraternité-Matin, der größten Tageszeitung des Landes, tätig; er ist heute Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und Zeitschriften in seiner Heimat und in Frankreich. Zu seinen literarischen Werken gehören die Romane Les prisonniers de la haine (Abidjan 2003, «Die Gefangenen des Hasses ») und Les Catapila, ces ingrats (Paris 2009, «Die Krabbelkäfer, diese Undankbaren ») sowie u.a. die Erzählbände Robert et les Catapila (Abidjan 2005) und Nègreries (Abidjan 2007).
Kindheit: “Das Verschwinden meines Vaters”

Andreas Fecke betreibt die Blogs “Afrikanews Archiv” und “Unser globales Dorf”

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