AFRIKA RÜCKBLICK 2011 – VORBLICK 2012 : WORAN HAPERT ES MIT DER DEMOKRATISIERUNG IN SCHWARZAFRIKA? – ESSAY von A. DIETH

Dr. Alexis Dieth ist ein Franko-Ivorer (Elfenbeinküste), Professor der Philosophie, der sich in den letzten Monaten mit mehreren sozialpsychologischen Artikeln (in frz) bemerkbar machte, nur leider nicht mit einem Profil (ausser diesem, Achtung, es taucht ein Anmeldeformular von viadeo auf: ganz oben rechts “schliessen” klicken, und der Text ist wieder da!) oder etwa einem Foto.
Googeln Sie bitte bislang also selbst.

Sein Essay habe ich, wie fast immer hier im Blog, nicht schön manuell übersetzt, sondern aus einer automatischen google-Übersetzung umgefertigt – aber korrekt.

Die Ursachen der Blockierungen des Prozesses der Demokratisierung im Afrika südlich der Sahara
afrik.com – 27. Dezember 2011
von Dr. Alexis Dieth

Warum scheinen in den meisten schwarzafrikanischen Ländern transparente Wahlen und demokratischer Wandel durch die Wahlurne unmöglich in einer Zeit der historischen Chance, wo die politischen Kräfte Afrikas von der neuen Weltordnung profitieren könnten, um ihre volle politische Souveränität zurückzugewinnen, wie die Nordafrikaner? Das Problem der Transparenz von Wahlen und des demokratischen Machtwechsels durch die Wahlurne in Afrika südlich der Sahara, hat es materielle oder psychische oder moralische und politische Ursachen? Gibt es einen Weg aus der Endrunde der Manipulation von Verfassungen, der Monopolisierung der Macht der Politik, des Wahlbetrugs, des Wahlboykotts und des Protestes gegen die Wahlergebnisse?

In Afrika südlich der Sahara färben drei Faktoren den demokratischen Ruck und geben ihm eine besondere Note:
– das weit verbreitete Misstrauen zwischen der Regierung und der Opposition kommt in Form von Boykott der Wahlen, und die Ergebnisse sind von vornherein oder nachträglich angefochten;
– Gewalt stützt sich oft auf Wahlbetrug,
– der allgemein ethnische Charakter von Wahlen.

Von Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) über Demokratische Republik Kongo bis Gabun, Kamerun, Guinea, Togo, Benin, Kenia und Simbabwe werden Wahlen boykottiert und ihre Ergebnisse sind in Frage gestellt. Ihre Transparenz wird in Frage gestellt.
Wenn in seltenen Fällen, wie in Côte d’Ivoire 2010, pro-Oppositionsparteien die herrschende Partei schlagen, erkennt diese die Wahlen nicht an.
Ausnahmen wie im Niger, Sambia, Sao Tome und Kap Verde bestätigen die Regel.

Im Sudan zum Beispiel wurde die politische Einheit des Landes von separatistischen Konflikten gebrochen, die durch religiöse und rassistische Verachtung nach interner Sklaverei verursacht worden waren.

Die jüngsten Wahlen in Nordafrika, ohne Infragestellung der Ergebnisse, ohne Boykott und fast ohne internationale Beobachter zeigen den krassen Gegensatz zwischen einem Nord-Afrika, das in vollem Umfang die Demokratie zu wagen und wollen scheint, und einem Sub-Sahara-Afrika, das kämpft, sich zu nicht dafür engagieren,
wie durch das Feuer belegt, das die kommenden Wahlen in Senegal zu entzünden droht, einem Land, das bis dahin als eine beispielhafte Demokratie in Afrika galt.

Im Afrika südlich der Sahara regiert die politische Spaltung zwischen unversöhnlichen Parteien. Die Schaffung von unabhängigen Wahlkommissionen und die Anwesenheit internationaler Beobachter reichen nicht, um das Vertrauen zwischen den Beteiligten wieder herzustellen. Sie sollen die notwendige Unparteilichkeit, die die Wahl bestätigen könnte, sicherstellen, jedoch sind diese Organe der Voreingenommenheit bezichtigt.
In vielen Fällen scheint demokratischer Wandel durch die Wahlurne unmöglich, oder er wird durch den Rückgriff auf den bewaffneten Aufstand erhalten. Aber dieser Sieg einer bewaffneten Opposition führt zum Austritt von Mitgliedern der ehemaligen Regierungspartei, die von außerhalb ihre Rückkehr durch Boykotte zu organisieren versuchen und die neue Regierung destabilisieren wollen.

Um künftige Krisen zu entschärfen erscheinen “Lösungen”, welche staatliche Unparteilichkeit oder das Recht auf Versöhnung opfern, die Straflosigkeit des Staates wieder einführen und die die Spaltung in Form von Machtteilung zwischen unvereinbaren Fraktionen institutionalisieren.

Daher die Frage: Welches sind die Quellen der Hindernisse für den Demokratisierungsprozess in Afrika? Das Problem vom demokratischen, transparenten Machtwechsel durch die Wahlurne, ist es verursacht durch materielle oder psychische Ursachen, moralische oder politische?

Der Fall von Côte d’Ivoire, wo die Injektion von großen materiellen und finanziellen Ressourcen durch die internationale Gemeinschaft keine der Wahlprobleme zu lösen vermochte, beweist, dass die Anfechtung des Wahlergebnisses oder der mangelnden Transparenz der Wahlen eher politische Gründe, eher psychologische und moralische als materielle Ursachen hat.
Die separatistische Lösung zwischen Nord und Süd in einem ivorischen Land, wo viele Südstaatler immer noch glauben, zu Recht oder Unrecht, dass die aktuelle legitime Macht eine der Menschen in Nord, der Dioula, ist, zeugt von der Realität des politischen Widerstands und der Persistenz der ethnischen und regionalen Spaltungen.[…]
Wenn die Anwesenheit von ausländischen Beobachtern und Transparenz der Wahlen den Streit nicht verhindern, bedeutet dies, dass Misstrauen, Argwohn und die Absicht, die Macht dem politischen Gegner zu verweigern, dominieren. Wenn der Verlierer seine Niederlage nicht akzeptiert, trotz der Transparenz von Wahlen und Ordnungsmäßigkeit der Stimmen, ist das der Wunsch, die Logik der Gewalt wieder einzuführen, und,
der Wunsch die Macht zu ergreifen/behalten ignoriert das Prinzip der Wahl und der Mehrheit der Stimmen, als Teil des vom Kolonialismus geerbten modernen Staates.

Eine dritte Partei muss dann sorgen für Objektivität und Transparenz der Wahlen, unmöglich zwischen den Fraktionen, die von der Absicht getrieben sind, zu betrügen, um staatliche Macht zu ergreifen: den Zugriff auf Macht, Wohlstand und Sicherheit.
Was ist die Quelle des politischen Widerstands, der zu Manipulation der Verfassung, Wahlbetrug, Boykotten und Absagen der Wahlergebnisse geführt hat?

Das Argument der Manipulation durch die ehemaligen Kolonialmächte und die These, dass die Identität der Politik und ethnische Konflikte in Afrika Antworten auf die internationale neokoloniale Entfremdung und Ausbeutung seien, reichen nicht aus, um den intra-afrikanischen politischen Widerstand zu erklären.
Das Misstrauen zwischen den Protagonisten der Wahlen und der Wille, die staatliche Macht zu monopolisieren, Quellen des Betrugs und des Protestes gegen die Wahlergebnisse, sind vorherrschend in multi-ethnischen Staaten vom Afrika südlich der Sahara, weil die nationale Einheit und allgemeines Interesse nicht vorhanden sind.
Die Härte des politischen Kampfes und der unversöhnlichen Positionen sind Ausdruck der Leere der politischen Einheit. Unter der Maske der politischen Einheit sind Spaltung und der Kampf der Parteien und Bürgerinitiativen, der zentrifugalen Impulse und Interessen, vorherrschend in multi-ethnischen Staaten im Afrika südlich der Sahara.

Die verschiedenen Nationen hatten – im Zuge der Entkolonialisierung – nicht freiwillig teilgenommen und zugestimmt an der gesetzlichen Vereinheitlichung der modernen Staaten und der Grundsätze für die Erneuerung der politischen Klasse. Als künstliche Schaffung des Kolonialismus war der Staat nicht die Produktion des souveränen Volkes. Die einheitliche multiethnische Nation war eine leere Worthülse in vom Kolonialismus geerbten Sub-Sahara-Staaten.
Hier drücken die aktuellen politischen Misstrauen und ethnischen Gegensätze die ungelösten Probleme der Gründung des Staats und der Nationsbildung aus.

Weit entfernt von moralischer Korruption und der inhärenten Unordnung in den modernen afrikanischen Gesellschaften, bringen die politischen Spannungen das Problem eines sozialen Vertrages, der eine Lösung verlangt, auf die Tagesordnung.
Die gegenwärtige Krise der Demokratisierung bezieht sich auf die verschiedenen Spannungen in der Geschichte, jetzt wo die Leute auf Selbstbestimmung und politischer Selbstbestimmung und Wählen ihrer Führer bauen könnten, als Teil des territorialen Erbes durch die Kolonisation.
Deshalb müssen wir die internen Quellen des Misstrauens und des Antagonismus zwischen Gemeinden erforschen und versuchen, eine Lösung für politische Übel Afrikas südlich der Sahara zu finden.

Die Historikerin Vidrovitch sieht als eine Quelle des ethnischen Antagonismus die Intensivierung der ethnischen Trennung zum Zweck der politischen Kontrolle und Verwaltung durch die Kolonialmacht. Aber es ist gegeben, zu glauben, dass die Effizienz dieser Politik der kolonialen Zersplitterung und Spaltung auf einem fruchtbaren Boden beruhte.

Für den Geographen Yves Lacoste sind die Wurzeln des ethnischen Konflikts bzw. der geopolitischen Streitigkeiten aus dem Zeitraum des internen Sklavenhandels zwischen den verschiedenen Volksgruppen in Afrika südlich der Sahara.
Heutige Gemeinschafskonflikte seien das späte Ergebnis der Zeit, wo die afrikanischen Sklavenbeschaffungen und -Verkäufe, oft über weite Entfernungen, die Produktion beherrscht hatten.

Politische Herausforderungen von heute seien ein Wiederaufleben der atavistischen Misstrauen zwischen historischen Feinden, die noch heute die Erinnerung an die Slave-Razzien sind und sich wiederfanden eingesperrt in einem territorialen Staatsgrenzen willkürlich durch die Kolonisation gezogen. Der ethnischen Antagonismus wird im nächsten Schritt durch die Verschärfung des Tribalismus in kolonialen und postkolonialen Staaten erklärt.

Die Manipulation von Ethnizität in den gegenwärtigen Eliten, die um die Macht konkurrieren, würden wirtschaftliche Vorteile und Prestige-Positionen in multi-ethnischen Staaten in Afrika südlich der Sahara einbringen.

Daher ist die dringlichste Frage so: Die historischen und geopolitischen Konflikte vom Problem des Gesellschaftsvertrages in Sub-Sahara-multiethnischen Staaten, können sie von der Demokratie gelöst werden, heute und wie?
Wie politisches Vertrauen wiederherstellen und die Idee und das Nationalgefühl der Völker, historisch gespalten, verbreiten?
Wie die nationale Einheit bauen als Teil der Achtung des territorialen Staats, ohne Ethnizismus?

Eine multidisziplinäre Reflexion und Mobilisierung von Energie sind dringend erforderlich, um geeignete Lösungen zu entwickeln, um die Gefahr des Separatismus und der Gefahr der Balkanisierung Afrikas zu vermeiden. Sie müssen jetzt ergriffen werden, weil die Zeit drängt.
© 2011 afrik.com

0 thoughts on “AFRIKA RÜCKBLICK 2011 – VORBLICK 2012 : WORAN HAPERT ES MIT DER DEMOKRATISIERUNG IN SCHWARZAFRIKA? – ESSAY von A. DIETH”

  1. Hallo Andreas,

    danke für die Übersetzung dieses hier für das vergangenene und kommende Wahljahr wichtigen Beitrags. Kleine Korrektur war nötig: es geht hier um den demokratischen (und nicht antidemokratischen) Ruck.

    Dieth vergisst meiner Meinung nach, dass schon einige demokratische Umwandlungen in Ländern südlich der Sahara viel eher stattgefunden haben, und zwar ohne fremde Hilfe und ohne eine vergleichsweise günstige Situation in der Weltordnung. Um nur ein Beispiel zu nennen: das demokratische System in Mali z.B. konnte sich seit 1992 entwickeln, nachdem ein Volksaufstand ohne Einmischung von außen die Militärdiktatur zu Fall brachte. Mali ist sicher auch ein multi-ethnischer Staat – für Dieth einer der Gründe einer fehlenden politischen Einheit, die für den Demokratisierungsprozess nötig wäre -, aber die Beziehungen zwischen den Ethnien gestalten sich hier traditionell völlig anders als gewohnt (siehe „Scherzverwandschaften“ – cousinage de plaisanterie, worüber wir bald hier oder im Maliblog informieren werden. )

    Was aus dem demokratischen Ruck in Mali seit 1992 geworden ist, steht auf einem anderen Blatt.
    Gibt es eine funktionierende innerparlamentarische Opposition oder werden Politiker mundtot gemacht, aus dem politischen Prozess ausgeschlossen, wenn sie gegen die herrschende Linie Front machen? Nicht zuletzt die Präsidentschaftswahlen im April werden zeigen, wie es um die Demokratie steht.

    aramata

  2. Danke für den Kommentar, so kann es gesehen werden.

    Ich habe den Artikel von Dieth aber so verstanden, dass er über jüngste Entwicklungen spricht, über einen sehr aktuellen antidemokratischen Rückruck (daher auch mein Titel “Rückblick 2011….”) im subsaharischen Afrika, den er dann (das kann ich nicht mehr beurteilen) auch auf Wurzeln weit vor dem Kolonialismus zurückführt, den Sklavenhandel.

    Ich selber habe hier, soweit in einem Nachrichtenblatt möglich, demokratische Entwicklungen in 2010 besungen: Guinea, Niger, vieles davor, und allein den Fakt, dass es in der Elfenbeinküste zu korrekten Wahlen kommen konnte.
    Ich habe hier den Begriff “arabischer Frühling” abgewehrt und ihn einen nord-afrikanischen Frühling genannt.
    Anfang bis Mitte 2011 bin ich auch der Meinung angehangen, der arabische Frühling werde ein gesamtafrikanischer Frühlinf werden – im Gegensatz beispielsweise zu Tiken Jah Fakoly, der im Interview postulierte, das dauere mindestens 20 Jahre und hänge nur von der Bildung ab.

    Jetzt sehe ich, wie Dieth, für das Jahr 2011 im nachrevolutionären Nordfafrika (auch Marokko) allseits unangefochtene Wahlen.
    Und in Schwarzafrika, quasi seit Gabgbo, in quasi allen Wahlen in einigen Ländern, eine Art ritueller Infragestellung der Wahlen überhaupt: je nach Seite Infragestellung der Wahlkommissionen, der Auszählungen, der Ergebnisse, der Kontrollen, der Proteste – vorher und/oder hinterher.

    Obama, und er hat recht, sagte in seiner Rede in Ägypten: “Afrika braucht keine starken Männer, Afrika braucht starke Institutionen.”

    In den meisten Ländern der Welt werden Wahlen so oder so manipuliert, machen wir uns nichts vor, auch in den USA in Florida bei der Wiederwahl von Bush beispielsweise.
    Protest gegen manipulierte Wahlen, Boykotte von Scheinwahlen sind in meinen Augen absolut legitim. Es ist ja auch in Afrika keine neue Erscheinung.

    Neu, das ist der Ausgangspunkt von Dieth’s Betrachtung, der ich folge, ist:

    Schwarzfrika – natürlich nicht die 80% Opfer der Entwicklungen – schlägt den entgegengesezten Weg des arabischen Frühlings wieder ein, den des anti-demokratischen Rucks:

    Macht und Opposition (Ausnahmen bestätigen die Regel) illegitimieren fast wechselseitig jegliche Art von Institution, zu einem Zeitpunkt, wo alle internationalen Institutionen den afrikanischen Angelegenheiten offener gegenüberstehen als jemals zuvor.

    Das könnte sogar komisch sein, wäre es nicht womöglich ein letzter Nagel auf einem riesengroßen Sarg.

    Natürlich hoffe ich, dass Mali uns dieses Jahr eine neue Erfahrung beschert, mal sehen.
    Insbesondere hoffe ich, dass die Präsidentschaftskandidatur von Youssou Ndour im Senegal neue Impulse auslöst, mal sehen.

    Den Lesern dieses Blogs, mehrheitlich sicherlich Afrikafreunde, sei aber bitte dennoch anempfohlen, die Gegenwart zu betrachten. Verstehen kann man sie, wenn überhaupt, nur mit Blick auf die Geschichte, aber mit nicht-nostalgischem Blick:

    Ja, Mr. Dieth, zu Ihrer Ursachenforschung und dem Lösungsvorschlag.
    Nein, aramata, 1992 ist 20 Jahre her.

  3. Die Gegenwart, heute, (der Sozialprotest in Nigeria), hat meinen Pessimismus etwas erhellt, siehe Artikel und meinen Kommentar darunter,
    http://afri-russ-archiv.blog.de/2012/01/13/nigeria-generalstreik-gegen-hohe-preise-gewalt-le-nigeria-paralyse-par-la-greve-generale-au-moins-cinq-morts-12423929/ .

    Die großen von Dieth wie von Mbembe gestellten Fragen bleiben, denke ich, offen.

    Wir hier oben sind auch nur mit Ameisenschritten vorangekommen, und auch nur, um in einer hochtechnologisierten, materiell wohlgestellten Zivilisation zu landen, die alles andere kaputtmacht.

    So ist mein Herz heute bei den protestierenden Nigerianern.

    Ein Bild noch an dieser Stelle, für mich das erste Bild aus dem subsaharischen Afrika, das an die legendären Massenproteste auf dem Tahrirplatz in Kairo vor einem Jahr erinnert:
    Manifestation à Lagos (Nigeria) contre la hausse du prix des carburants, le 12 janvier 2012
    Demonstration Lagos, Nigeria, 12.01.2012

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